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CHIAPAS: Die 13. Stele - Teil zwei

 

Ein Tod

News vom 23.07.2003
Subcomandante Insurgente Marcos
übersetzt von Dana

  Vor einige Tage beschloss die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung den Tod der sogenannten "Aguascalientes" von La Realidad, Oventik, La Garrucha, Morelia und Roberto Barrios. Alle befinden sich auf rebellischen Gebiet. Die Entscheidung die "Aguascalientes" zu verschwinden wurde nach einem langen Prozess der Reflektion gefällt .

Am 8. August, 1994, während des Nationalen Demokratischen Konvents in Guadalupe Tepeyac, weihte Comandante Tacho, im Namen des Geheimen Revolutionären Indigenen Komitees — Generalkommando der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung, vor ungefähr 6000 Personen aus verschiedenen Teilen Mexikos und der ganzen Welt, das sogenannte" Aguascalientes" ein, und übergab es der nationalen und internationalen Zivilgesellschaft.

Viele Leute kannten dieses erste "Aguascalientes" nicht, entweder weil sie nicht hingehen konnten, oder weil sie in jenem Jahr zu jung waren (wenn Sie jetzt 24 sind oder 25 werden, wären Sie damals 14 oder 15 Jahre alt gewesen), aber es war ein großartiges Schiff. Am Abhang eines Hügels geankert, hofften seine weißen Segeln die Sieben Meere zu durchfahren. Die Flagge, mit dem grimmigen Totenkopf und den gekreuzten Knochen, wehte wild und trotzig über der Brücke. Zwei riesige Landesfahnen waren seitlich ausgebreitet wie Schwingen. Es hatte seine Bibliothek, Krankenhaus, Toiletten, Duschen, atmosphärische Musik (die obsessiv zwischen " La del moño colorado" und " Cartas marcadas" hin und her wechselte), und es heißt, es habe sogar einen Platz für Angriffe gehabt. Der Entwurf der Gebäude sah, wie ich einmal erzählte, wie eine riesige Schnecke aus, dank dem was wir als "das gekrümmte Haus" bezeichneten. Das "gekrümmte Haus" war nicht krumm, es hatte eine Biegung, die auf den ersten Blick wie ein architektonischer Fehler aussah, der einem aber von oben gesehen ermöglichte, die Spirale zu bemerken, die von den Gebäuden geformt wurde. Die Mannschaft des ersten "Aguascalientes" bestand aus Personen ohne Gesichter, eindeutige Übertreter der maritimen und terrestrischen Gesetze. Und ihr Kapitän war der bestaussehende Pirat, der jemals die Ozeane umfahren hatte: Eine Augenklappe über das fehlende rechte Auge, ein schwarzer Bart, die mit Silberfäden glänzte, eine prominente Nase, ein Hacken in der einen Hand, ein Säbel in der anderen, ein Bein aus Fleisch, das andere aus Holz, eine Pistole im Gürtel und eine Pfeife zwischen den Lippen.

Der Prozess, der zum Bau des ersten "Aguascalientes" führte war zufällig . und schmerzvoll. Und ich meine nicht die physische Konstruktion (die in einer Rekordzeit und ohne Fernsehspots ausgeführt wurde), sondern die konzeptuelle Konstruktion. Lassen Sie mich erklären:

Nachdem wir uns 10 Jahre lang auf das Töten und Sterben vorbereitet hatten, auf die Handhabung und das Abfeuern von Waffen aller Art, auf die Herstellung von Sprengsätzen, auf die Ausführung strategischer und taktischer Militärmanöver, kurzum, auf Krieg, . fanden wir uns nach den ersten Tagen des Kampfes von einer wahren Armee überrannt. Zuerst eine Armee von Journalisten, aber später von Männer und Frauen verschiedenster sozialer, kultureller und nationaler Hintergründe. Es war kurz nach dem "Kathedralen-Dialog", Februar-März 1994. Die Journalisten tauchten weiterhin in Abständen auf, aber das was wir als "Zivilgesellschaft" bezeichnen — um sie von der politischen Klasse zu unterscheiden und um sie nicht in sozialen Klassen zu kategorisieren — war immer konstant.

Wir lernten dazu, und ich denke, dass es die Zivilgesellschaft auf tat. Wir lernten zuzuhören und zu sprechen, ich denke genau so wie die Zivilgesellschaft. Ich denke auch, dass das Lernen für uns weniger anstrengend war.

Schließlich war das ja der fundamentale Ursprung der EZLN gewesen: eine Gruppe "Illuminaten", die aus der Stadt kamen um die Ausgebeuteten zu "befreien", und die nach der Konfrontation mit der Realität der indigenen Gemeinden mehr wie ausgebrannte Glühbirnen aussahen denn als "Illuminaten". Wie lange brauchten wir um zu realisieren, dass wir lernen mussten zuzuhören, und danach zu sprechen? Ich bin mir nicht sicher, es sind viele Monde seitdem vergangen, aber ich schätze mindestens zwei Jahre. Das heißt, was in 1984 ein klassischer, revolutionärer Guerrillakrieg gewesen ist (bewaffneter Aufstand der Massen, Machtübernahme, der Aufbau des Sozialismus von oben, viele Statuen und Namen von Helden und Märtyrer überall, Säuberungswellen etcetera, kurzum, eine perfekte Welt), war in 1986 bereits eine bewaffnete Gruppe, überwiegend indigen, die aufmerksam zuhörte und lernte ihre ersten Worte mit einem neuen Lehrer plapperte: die Indigenen Völker.

Ich glaube ich habe diesen Teil der Bildung (oder Neubildung) der EZLN bereits mehrmals erzählt. Aber wenn ich es jetzt wiederhole, dann nicht um Sie mit Nostalgie zu überwältigen, sondern und zu versuchen zu erklären, wie wir zum Bau des ersten "Aguascalientes" gekommen sind, und deren spätere Vermehrung auf zapatistischem, das heißt, rebellischem Gebiet.

Was ich damit meine ist, dass der Hauptakt bei der Gründung der EZLN es war zu lernen zuzuhören und zu sprechen. Ich denke zu jener Zeit haben wir gut gelernt und waren erfolgreich. Mit dem neuen Werkzeug errichteten wir das gelernte Wort, die EZLN verwandelte sich schnell in eine Organisation, die nicht nur aus Tausenden Kämpfer bestand, sondern eindeutig mit den indigenen Gemeinden "verwachsen" war.

Anders ausgedrückt, wir hörten auf "Fremde" zu sein, und wurden Teil dieser von Land und Welt vergessenen Ecke: die Berge des mexikanischen Südostens.

Ein Augenblick kam, ich kann nicht genau sagen wann, in dem nicht länger die EZLN auf der einen Seite und die Gemeinden auf der anderen standen, sondern als wir alle einfach Zapatisten waren. Ich vereinfache natürlich, wenn ich mich an diese Periode erinnere. Es wir hoffentlich andere Gelegenheiten und Mittel geben, um diesen Prozess genauer darzustellen, der grob ausgedrückt, nicht ohne Widersprüche, Rückschläge und Rückenlandungen war.

Wir waren immer noch dabei zu lernen (denn ich glaube, das Lernen geht nie zu Ende) als der "neuerschienene" Carlos Salinas de Gortari (der damalige Präsident von Mexiko, dank eins kolossalen Wahlbetrugs) die "brillante" Idee hatte Reformen durchzuführen, die das Recht der Campesinos auf Land beseitigten.

Die Auswirkung in den Gemeinden, die bereits zapatistisch waren, waren gelinde ausgedrückt brutal. Für uns (man merke, dass ich zwischen den Gemeinden und der EZLN nicht länger unterscheide) ist das Land keine Ware, sondern hat kulturelle, religiöse und historische Bedeutungen, die hier nicht erklärt werden müssen. Und so füllten sich unsere Reihen, schnell und exponentiell.

Und da war noch mehr. Die Armut wuchs ebenfalls, und damit der Tod, besonders von Kinder unter fünf Jahre. Zu meinen Pflichten gehörte es mit den nun Hunderten Dörfern per Funk Kontakt zu halten, und es verging kein Tag, ohne dass jemand den Tod eines kleinen Jungen oder Mädchens, oder einer Mutter zu melden hatte. Als ob es ein Krieg gab. Hinterher begriffen wir, dass es sich tatsächlich um einen Krieg handelte. Das neoliberale Modell, den Carlos Salinas de Gortari auf eine so zynische und sorglose Weise befahl, war für uns ein echter Vernichtungskrieg, ein Ethnozid, da die gesamten Indigenen Völker vernichtet wurden. Deshalb wissen wir wovon wir reden, wenn wir von der "neoliberalen Bombe" sprechen.

Ich denke (es gibt ernsthafte Studien hier, die präzise Zahlen und Analysen liefern können), dass dies in allen indigenen Gemeinden in Mexiko stattgefunden hat. Aber der Unterschied bestand darin, dass wir bewaffnet waren und für einen Krieg ausgebildet. Mario Benedetti sagt in einem Gedicht, dass man nicht immer das tut was man will, dass man das nicht immer kann, aber, dass man das Recht nicht zu tun was man nicht will. Und in unserem Fall, wollten wir nicht sterben . oder genauer gesagt, wir wollten nicht auf diese Weise sterben.

Ich habe bei früheren Gelegenheiten bereits davon gesprochen, wie wichtig für uns die Erinnerung ist. Und deshalb war (und ist) der Tod durchs Vergessen für uns der schlimmste Tod. Ich weiß, das klingt vermutlich apokalyptisch, und mehr als nur eine Person wird in dem was ich sage nach einer Spur Märtyrertum suchen, aber einfach ausgedrückt, wir befanden uns damals vor einer Wahl, aber nicht zwischen Leben und Tod, sondern zwischen zwei verschiedenen Arten von Tod. Die Entscheidung, kollektiv und in Absprache mit den damals Zehntausenden Zapatisten, ist bereits Geschichte, und war der Funke des Morgens vom 1. Januar 1994.

Hmm. Ich scheine abzuschweifen, denn es geht hier darum Sie darüber zu informieren, dass wir beschlossen haben die zapatistischen "Aguascalientes" zu töten. Und nicht nur Sie darüber zu informieren, sondern zu versuchen es Ihnen zu erklären. Nun gut, seien Sie großherzig und lesen Sie weiter.

In die Ecke gedrängt, brachen wir an diesem Morgen in 1994 mit nur zwei Gewissheiten auf: die eine war, dass sie uns in Stücke reißen würden. Die andere war, dass dies die Aufmerksamkeit guter Menschen auf ein Verbrechen ziehen würde, das nicht weniger blutig war, nur weil es im Schweigen und fern von den Medien verübt wurde: der Genozid an Tausende mexikanische indigene Familien. Und, wie ich schon sagte, das könnte so klingen, als wären wir darauf aus gewesen Märtyrer zu werden, die sich für andere aufopfern.

Ich würde lügen wenn ich ja sagte. Denn auch wenn wir bei kühler Betrachtung, militärisch keine Chance hatten, dachten unsere Herzen nicht an den Tod, sondern an Leben, und da wir Zapatisten waren (und sind), und folglich auch uns selbst bezweifeln, dachten wir, dass wir mit dem in Stücke gerissen werden vielleicht falsch liegen könnten, und dass sich vielleicht das ganze mexikanische Volk erheben würde. Aber ehrlich gesagt gingen unsere Zweifel nicht weit genug um sich vorzustellen, dass das was wirklich geschehen ist, auch tatsächlich geschehen konnte.

Und was geschah war genau das, was das erste "Aguascalientes" ins Leben rief, und dann die anderen, die auf ihn folgten. Ich glaube es ist nicht nötig zu wiederholen was passiert ist. Ich bin fast sicher (und meistens bin ich über überhaupt nichts sicher) dass jeder, der diese Zeilen liest, etwas oder viel mit dem zu tun hatte, was passiert ist.

Also versuchen Sie sich an unsere Stelle zu versetzen: jahrelang bereiten wir uns darauf hin Waffen abzufeuern, und am Ende sind es Worte, die abgefeuert werden müssen. Wenn man das so sagt, und wenn ich lese was ich gerade geschrieben habe, scheint es beinahe natürlich, wie eins dieser Syllogismen, die man in der Schule lernt. Aber glauben Sie mir, zu dieser Zeit war gar nichts einfach. Wir hatten viel zu kämpfen . und tun es noch. Aber schließlich vergisst ein Krieger nicht was er gelernt hat, und wie ich vorhin erklärte, lernten wir zuzuhören und zu sprechen. Und so wurde, wie es mal ich weiß nicht wer ausdrückte, die Geschichte es müde sich zu wiederholen, und wir standen wieder wie am Anfang da. Lernend.

Und wir lernten zum Beispiel, dass wir anders waren, und dass es viele gab, die anders als wir waren, aber dass sie sich auch untereinander unterschieden. Oder, fast sofort nach den Bomben ("es waren keine Bomben, es waren Raketen", werden sich die vernetzten Intellektuelle aufzuklären beeilen — jene, die die Presse kritisieren, wenn sie von der "Bombardierung der indigenen Gemeinden" spricht), stürzte eine Vielfalt auf uns ein, die uns oft denken ließ, dass wir besser dran gewesen wären, wenn sie uns in Stücke gerissen hätten.

Ein Kämpfer definierte dies auf sehr zapatistische Weise, in April 1994. Er kam um mich über die Ankunft einer Karawane der Zivilgesellschaft zu unterrichten. Ich fragte ihn wie viele Personen es wären (sie mussten irgendwo untergebracht werden) und wer sie wären (Ich habe nicht nach ihre einzelnen Namen gefragt, sondern welcher Organisation oder Gruppe sie angehörten). Der Rebelle dachte eine Weile über die Frage nach, und über die Antwort, die er geben würde. Das dauert normalerweise eine Weile, also zündete ich meine Pfeife an. Nachdem er nachgedacht hatte, sagte der Compañero: "Sie sind verteufelt viele (*) und sie sind ein Durcheinander." Ich denke es ist sinnlos auf das quantitative Universum einzugehen, der von dem wissenschaftlichen Konzept von "verteufelt viele" einbegriffen wird, aber der Rebell verwendete "Durcheinander" nicht missbilligend, oder um die Geisteshaltung der Anreisenden zu charakterisieren, sondern eher um die Zusammenstellung der Gruppe zu definieren. "Was meinst du mit Durcheinander?" fragte ich ihn. "Ja," antwortete er. "Da ist alles, das ist ... ein Durcheinander," endete er, darauf beharrend, dass es absolut kein wissenschaftliches Konzept gab um die Vielfalt zu beschreiben, die das Rebellengebiet gestürmt hatte. Der Sturm wiederholte sich wieder und wieder. Manchmal waren sie tatsächlich "verteufelt viele", manchmal waren es zwei oder drei. Aber es war immer, um diesen Neologismus des Rebellen zu verwenden, ein "Durcheinander". Wir spürten sofort, da hilft nichts, wir müssen lernen, und dieses Lernen muss für so viele wie möglich sein. Und so dachten wir an eine Art Schule. Wo wir die Studenten sein würden, und das "Durcheinander" die Lehrer. Das war bereits in Juni 1994 (wir begriffen ziemlich langsam, dass wir lernen mussten), und wir standen kurz davor, die "Zweite Erklärung von Lacandon" zu veröffentlichen, die zur Gründung der "Nationalen Demokratischen Konvents" (CND) aufrief.

Die Geschichte des CND ist Stoff für eine andere Geschichte, und ich erwähne ihn nur um Sie in Zeit in Raum zu orientieren. Raum. Ja, das war Teil des Problems mit unser Lernen. Das heißt, wir brauchten einen Raum um mit dieser Pluralität, die wir "Zivilgesellschaft" nennen, zu lernen, und zuzuhören und zu sprechen. Wir einigten uns darauf den Raum zu bauen, und es "Aguascalientes" zu nennen, da es der Sitz des Nationalen Demokratischen Konventes sein würde (in Gedächtnis an das Konvent der Mexikanischen Revolutionären Streitkräfte in dem 2. Jahrzehnt des 20. Jhds.) Aber die Idee für das "Aguascalientes" ging weiter. Wir wollten einen Raum um einen Dialog mit der Zivilgesellschaft zu führen. Und "Dialog" bedeutet auch zu lernen dem anderen zuzuhören und zu lernen mit ihm zu sprechen.

Der Raum von "Aguascalientes" jedoch, wurde in Zusammenhang mit einer derzeitigen politischen Initiative erschaffen, und viele nahmen an, dass das "Aguascalientes" seine Bedeutung verlieren würde, sobald diese Initiative ihren Lauf genommen hätte. Einige wenige, sehr wenige, kehrten zum "Aguascalientes" von Guadalupe Tepeyac zurück. Später folgte Zedillos Verrat am 9. Februar 1995, und das "Aguascalientes" wurde von der Bundesarmee fast vollständig zerstört. Sie bauten sogar eine Militärbaracke dort.

Aber wenn irgendetwas die Zapatisten charakterisiert, dann ist es Zähigkeit ("Dummheit", würde wohl mehr als nur einer sagen). Und so war nicht einmal ein Jahr vergangen, als neue "Aguascalientes" in verschiedene Teile des Rebellengebietes aus dem Boden schossen: Oventik, La Realidad, La Garrucha, Roberto Barrios, Morelia. Und dann, ja, die "Aguascalientes" waren was sie sein sollten: Räume für ein Encuentro und Dialog mit der nationalen und internationalen Zivilgesellschaft. Außer, Hauptquartiere für große Initiativen und Treffen an bedeutungsvollen Tagen zu sein, waren sie der Ort an dem sich die "Zivilgesellschaft" und die Zapatisten täglich trafen.

Ich erzählte Ihnen bereits, dass wir versuchten aus unsere Treffen mit der nationalen und der internationalen Zivilgesellschaft zu lernen. Aber wir erwarteten auch von ihnen zu lernen. Die zapatistische Bewegung wuchs unter anderem, aus der Forderung für Respekt. Aber wir erhielten nicht immer Respekt. Und es war nicht so, dass sie uns beleidigten. Oder zumindest nicht absichtlich. Aber für uns ist Mitleid eine Kränkung, und Almosen ein Schlag ins Gesicht. Denn parallel zum Aufkommen und die Arbeit dieses Raumes für Encuentro, das die "Aguascalientes" waren, behielten einige Sektoren der Zivilgesellschaft das, was wir als "das Cinderella Syndrom" bezeichnen bei.

Ich hole jetzt aus der Kiste der Erinnerungen einige Abschnitte eines Briefes hervor, den ich vor mehr als neun Jahre geschrieben habe: "Wir werfen Ihnen nichts vor (den Angehörigen der Zivilgesellschaft, die in die Gemeinden kamen), denn wir wissen, dass Sie viel riskieren um herzukommen und uns zu sehen, und den Zivilisten dieser Seite Hilfe zu bringen. Es sind nicht unsere Bedürfnisse, die uns Schmerz verursachen, sondern in anderen zu sehen was andere nicht sehen, die gleiche Preisgabe von Freiheit und Demokratie, der gleiche Mangel an Gerechtigkeit (.). Von den Vorteilen, die unsere Leute in diesem Krieg erhalten haben, habe ich ein Beispiel an "Humanitärer Hilfe" für die chiapanekischen Indigenas behalten, das vor ein Paar Wochen angekommen ist: ein pinkfarbener hochhackiger Damenschuh, importiert, Größe 6?. ohne Gegenstück. Ich trage ihn immer in meinem Rucksack um mich, inmitten von Interviews, Photoreportagen und attraktive sexuelle Angebote, daran zu erinnern was wir nach dem ersten Januar für das Land sind: eine Cinderella. (.) Diese gute Menschen, haben uns mit den besten Absichten, einen pinkfarbenen hochhackigen Damenschuh, importiert, Größe 6?, ohne Gegenstück geschickt . in der Annahme, dass wir, arm wie wir sind, alles annehmen würden, Mildtätigkeit und Almosen. Wie können wir diesen guten Menschen sagen, dass wir nicht länger als Mexikos Schande leben wollen. In dem Teil, das hübsch gemacht werden muss, um den Rest nicht hässlich aussehen zu lassen. Nein, will wollen so nicht mehr leben."

Das war in April 1994. Damals dachten wir, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen verstehen würden, dass die zapatistischen Indigenas würdig sind, und dass sie keine Almosen wollten, sondern Respekt. Der andere pinkfarbene Damenschuh kam niemals an, und das Paar blieb unvollständig, und in "Aguascalientes" häuften sich nutzlose Computer, Medikamente mit ausgelaufenem Verfallsdatum, (für uns) extravagante Kleidung, die nicht mal für Theaterspiele ("señas," werden sie hier genannt) benutzt werden konnten, und, ja, Schuhe ohne Gegenstück. Und diese Dinge kamen weiter an, so als ob diese Leute sagten "arme kleine Dinger, sie sind wirklich bedürftig. Ich bin sicher alles wäre gut für sie, und das ist meine Art."

Und das ist nicht alles. Es gibt eine komplexere Art von Mildtätigkeit. Es ist die, die von einige NGO und internationale Organisationen praktiziert wird. Sie besteht, grob ausgedrückt, darin, dass sie entscheiden was die Gemeinden brauchen, und ihnen ohne sie auch nur zu konsultieren, nicht nur spezifische Projekte aufdrängen, sondern auch den Zeitraum und die Mittler dieser Implementierung. Stellen Sie sich die Verzweiflung einer Gemeinde vor, die Trinkwasser braucht und mit einer Bibliothek geschlagen werden. Oder eine, die eine Schule für die Kinder braucht, und stattdessen ein Kurs in Heilpflanzen kriegt.

Vor einige Monate, schrieb ein linker Intellektueller, die Zivilgesellschafft sollte sich für die Erfüllung der San Andrés Abkommen mobilisieren, weil die zapatistischen indigenen Gemeinden schwer litten (nicht, weil es für die indigenen Völker Mexikos gerecht wäre, sondern damit die Zapatisten keine Armut mehr leiden).

Moment mal. Wenn die zapatistischen Gemeinden das wollten, könnten sie den besten Lebensstandard in ganz Lateinamerika haben. Stellen Sie sich vor wie viel die Regierung willens wäre zu investieren um unsere Kapitulation zu gewährleisten und viele Bilder zu knipsen und viele "Webespots" zu drehen, in denen Fox und Marta sich anpreisen könnten, während das ganze Land in ihren Händen auseinanderfallen würde. Wie viel hätte der nun "neuerschienene" Carlos Salinas de Gortari gegeben, um seine Amtszeit nicht mit der Last der Ermordungen von Colosio und Ruíz Massieu beendet zu haben, sondern mit einem Bild von den zapatistischen Rebellen beim Unterzeichnen des Friedensvertrages, und dem Sup, der seine Waffe (die Gott selbst ihm verliehen hat) dem Mann übergibt, der Millionen Mexikaner in der Ruin getrieben hat? Wie viel hätte Zedillo geboten um die Wirtschaftskrise in die er das Land vergraben hat, mit dem Bild seines triumphalen Einzugs in La Realidad zu vertuschen? Wie viel hätte "Croquetas" Albores gegeben, um die Zapatisten dazu zu bringen die flüchtige "Neuaufteilung der Distrikte" zu akzeptieren, die er während seiner tragikomischer Amtszeit durchgesetzt hat?

Nein. Die Zapatisten haben viele Angebote erhalten um ihre Gewissen zu kaufen, aber sie setzen ihren Widerstand weiterhin fort, und verwandeln ihre Armut (für den der lernt zu sehen) in eine Lektion in Würde und Großzügigkeit. Denn wir Zapatisten sagen "Für alle alles, für uns nichts", und wenn wir das sagen, dann leben wir das auch. Die konstitutionelle Anerkennung der indigenen Rechte und Kultur und die Verbesserung der Lebensbedingungen ist für alle indigenen Völker Mexikos, nicht nur für die zapatistischen Indigenas. Die Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit die wir anstreben, ist für alle Mexikaner, nicht nur für uns.

Wir haben vielen Menschen gegenüber betont, dass der Widerstand der zapatistischen Gemeinden nicht Mitleid hervorrufen will, sondern Respekt. Hier ist Armut nun eine Waffe, die von unsere Völker aus zwei Gründen gewählt worden ist: um zu bezeugen, dass wir nicht Wohlfahrt suchen, und um mit unserem Beispiel zu demonstrieren, dass es möglich ist zu regieren und uns selbst zu regieren, ohne den Parasiten, der sich Regierung nennt. Aber gut, in diesem Text geht es auch nicht um das Thema des Widerstandes als Kampfform.

Die Unterstützung die wir fordern, gilt dem Aufbau eines kleinen Teils dieser Welt, in der alle Welten passen. Es handelt sich daher um eine politische Unterstützung, nicht um Mildtätigkeit.

Ein Teil der indigenen Autonomie (die das "COCOPA Gesetz" sicher anspricht) ist die Fähigkeit sich selbst zu regieren, das heißt, die harmonische Entwicklung einer sozialen Gruppe zu führen. Die zapatistischen Gemeinden sind dieser Bemühung verpflichtet, und haben oft demonstriert, dass sie es besser erledigen können, als jene, die sich Regierung nennen. Die Unterstützung der indigenen Gemeinden sollte nicht als Hilfe geistig Minderbewertete angesehen werden, die nicht einmal wissen was sie brauchen, oder für Kinder, denen man sagen muss, was sie essen müssen, wann und wie sie lernen sollten, was sie sagen und was sie denken sollten (obwohl ich bezweifle, dass es viele Kinder gibt, die sich das gefallen lassen würden). Aber das ist die Denkweise einiger NGO und eines guten Teil der Finanzierungsvorstände der Gemeindeprojekte.

Die zapatistischen Gemeinden leiten die Projekte (viele NGO können dies bezeugen), sie gründen sie und bringen sie zum laufen, sie machen sie produktiv und verbessern damit die Kollektive, nicht die Individuen. Wer einer oder mehreren zapatistiscen Gemeinden hilft, hilft nicht nur die materielle Situation eines Kollektivs zu verbessern, sondern unterstützt ein viel einfacheres, aber schwierigeres Projekt: der Aufbau einer neuen Welt, eine, in der viele Welten passen, eine, in der gegenseitige Mildtätigkeit und Mitleid Stoff für Science Fiction Novellen ist, oder für eine vergessenswürdige und entbehrliche Vergangenheit.

Mit dem Tod der "Aguascalientes", wird auch das "Cinderella Syndrome" einiger "Zivilgesellschaften" und der Paternalismus einiger nationaler und internationaler NGO ebenfalls sterben. Zumindest werden sie für die zapatistischen Gemeinden sterben, die von nun an keine Überbleibsel mehr annehmen werden, und sich keine Projekte mehr aufzwingen lassen.

Aus all diesen Gründen, und aufgrund anderer Dinge, die später erklärt werden, wird an diesem 8. August 2003, am Jahrestag des ersten "Aguascalientes", der "wohlgestorbene" Tod der "Aguascalientes" verkündet werden. Die Fiesta (denn es gibt Tode, die gefeiert werden müssen) wird in Oventik stattfinden, und Sie alle, die in den letzten zehn Jahren die Rebellengemeinden unterstützt haben, on mit Projekte, oder mit Friedenscamps, oder mit Karawanen, oder mit einem aufmerksamen Ohr, oder mit der Compañera Wort, auf welche Art auch immer, so lange es nicht mit Mitleid und Mildtätigkeit ist.

Am 9. August 2003, wird etwas Neues geboren werden. Aber ich werde Ihnen morgen davon erzählen. Oder genauer gesagt, in Kürze, denn es dämmert hier gerade, in den Bergen des mexikanischen Südostens, würdige Ecke der Patria, rebellisches Land, Unterschlupf der Übertreter des Gesetzes (einschließlich des Gesetzes zum Ernstsein) und ein kleines Stück des großen Weltpuzzles der Rebellion für Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus.
(Fortsetzung folgt .)

Aus den Bergen des mexikanischen Südostens.

Subcomandante Insurgente Marcos

Mexiko, Juli of 2003.

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