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Kommunique der EZLN: »Sie und Wir« - Teil 6 - Die Blicke

 

1. Schauen um aufzuzwängen oder schauen um zuzuhören

Kommunique vom 06.02.2013
SupMarcos
übersetzt von RedmyCZ, Christine Hoedl

 

´Einmal werde ich sagen können,
ohne dass mir jemand widersprechen könne.
Es sind nicht gleich, der, der etwas wünscht
und der, der etwas begehrt.
Ebenso sind die Worte nicht gleich,
die gesagt werden, damit sie gehört werden,
wie jene, die gesagt werden, damit sie befolgt werden.
Auch ist es nicht das Gleiche, wenn man mit mir spricht
um mir etwas zu sagen,
als wenn man mit mir spricht,
damit ich den Mund halte.´

Tomás Segovia

´Vierte Verfolgung´ aus ´Verfolgung und Andere Gedichte´, erschienen im Verlag mit dem geschmackvollen Namen ´Ohne Namen´. Danke und eine herzliche Umarmung an Maria Luisa Capella, Inés und Francisco (Ehre dem würdigen Blut, welches in Euren Herzen klopft) für die Bücher und die erklärenden Worte


Schauen ist eine Art zu fragen, so sagen wir, die Zapatistinnen und Zapatisten.

Oder zu suchen....

Wenn man den Kalender anschaut und die Geographie, so weit sie auch entfernt sein mögen, der eine von der anderen, dann fragt man, und befragt.

Und es ist im Schauen, wo der Andere, die Andere, das Andere erscheint. Und es ist im Blick, wo dieses Andere existiert, wo sich sein Profil wie fremd abzeichnet, wie ein Rätsel, wie ein Opfer, wie ein Richter und Henker, wie ein Feind ..... oder wie ein Compañer@.

Im Blick ist es, wo die Angst sich einnistet, aber auch, wo der Respekt entstehen kann.

Wenn wir nicht lernen zu sehen, wie sich der andere sieht, welche Bedeutung hat dann unser Blick, unsere Fragen ?

Wer bist Du?

Was ist Deine Geschichte?

Wo sind Deine Schmerzen?

Was ist Deine Hoffnung?

Aber es ist nicht nur wichtig, was und wen wir anschauen. Auch und vor allem ist wichtig, von woher wir schauen.

Und zu wählen, wohin wir schauen ist zugleich auch die Wahl, von woher.

Oder ist es dasselbe, von oben den Schmerz jener anzusehen, die ihre Lieben verlieren, die sie brauchen, durch einen absurden, unerklärlichen, definitiven Tod, wie das von unten anzuschauen?

Wenn jemand von oben die von unten anschaut und sagt: ´Wieviele sind es?´, meint er in Wirklichkeit: ´wie viel sind sie wert?¨.

Und wenn sie nichts wert sind, dann ist es auch unwichtig, wie viele sie sind. Um diese unwillkommene Zahl zu beseitigen, sind die großen, bezahlten Massenmedien da, das Heer, die Polizei, die Richter, die Gefängnisse, die Friedhöfe.

Und für unseren Blick sind die Antworten nie einfach.

Wenn wir uns ansehen, sehen wir was wir ansehen, da geben wir uns eine Wesensgleichheit, die mit Schmerzen und Kämpfen zu tun hat, mit unseren Kalendern und unserer Geographie.

Unsere Kraft – falls wir überhaupt eine haben – steckt in der Anerkennung: wir sind, wer wir sind, und es gibt Andere, die sind, wer sie sind. Dann gibt es wieder einen Anderen, für den wir noch kein Wort gefunden haben, um ihn zu benennen, aber trotzdem, er ist, wer er ist. Wenn wir ´wir´ sagen, dann saugen wir niemand auf, um seine Identität unterzuordnen, sondern um die Brücken, die zwischen den unterschiedlichen Schmerzen und verschiedenen Rebellionen bestehen, herauszustreichen. Wir sind gleich, weil wir anders sind.

Wir die Zapatistinnen und Zapatisten streichen in der Sechsten unsere Ablehnung gegen jeden Versuch der Hegemonie hervor, das heißt, gegen jedes Vorkämpfergetue, egal ob wir in der Vorhut sind, oder ob sie uns in der Nachhut aufstellen, wie das so im Lauf der Geschichte immer geschehen ist.

Wenn wir in der Sechsten die suchen, die uns im Schmerz und im Kampf ähnlich sind, ohne dass uns die Kalender und die Geographien die uns trennen, wichtig sind, dann ist das deshalb, weil wir sehr gut wissen, dass wir den Herrscher nicht mit einem Gedanken, einer einzigen Kraft, einer einzigen Führung (wie revolutionär, konsequent, radikal, einfallsreich, zahlreich, mächtig oder was auch noch immer diese Führung sein mag) besiegen können.

Unsere Toten haben uns gelehrt, dass die Verschiedenheit und Unterschiede keine Schwächen für den von unten sind, sondern seine Stärke, aus der Asche des Alten eine neue Welt zu gebären, eine neue Welt die wir wollen, die wir brauchen, die wir verdienen.

Wir wissen gut, dass diese Welt nicht nur von uns erträumt wird. Aber in unserem Traum ist diese Welt nicht eine, sondern viele unterschiedliche und mannigfaltige. Und in dieser Vielfalt liegt ihr Reichtum.

Die wiederholten Bemühungen, Einstimmigkeit aufzuzwingen sind dafür verantwortlich, dass die Maschine verrückt geworden ist und jede Minute der letzten Minute der Zivilisation näher rückt, so wie das bisher zu sehen war.

In der jetzigen Etappe der Globalisierung des Neoliberalismus ist die Homogenität nichts anderes als die aufgezwungene Mittelmäßigkeit, die die allgemein gültige Norm ist. Und wenn sie sich in irgendetwas von Hitlers Wahnsinn unterscheidet, dann ist das nicht im Ziel, sondern in der Modernität der Mittel, die zum Ziel führen.

*


Ja, nicht nur wir suchen das Wie, das Wann, das Wo und das Warum.

Sie sind zum Beispiel nicht ´Sie´. Gut, obwohl es nicht so scheint, als hätten Sie ein Problem, sich mit ´Ihnen´ zu verbünden, um.....sie zu täuschen und sie von innen heraus zu zerstören? Um so zu sein wie ´Sie´, aber nicht ganz so sehr wie ´Sie´? Um die Geschwindigkeit der Maschine zu verringern, die Reißzähne der Bestie abzuschleifen, die Wilde zu vermenschlichen?

Ja wir wissen es. Es gibt einen Riesenhaufen von Argumenten um diese These zu untermauern. Sie könnten sogar einige Beispiele erzwingen.

Aber....

Sie sagen uns, dass wir gleich sind, dass wir im gleichen Boot sitzen, dass es der gleiche Kampf ist, dass wir den gleichen Feind haben...Mhm, nein, Sie sagen nicht ´Feind´, Sie sagen ´Gegner´. Ok, hängt davon ab, was für ein Ausdruck gerade modern ist.

Sie sagen uns, dass wir uns alle zusammenschließen müssen, denn es gibt keinen anderen Weg: entweder Wahlen oder Waffen. Und Sie, die auf dieses trügerische Argument Ihr Projekt aufbauen, dass alles, was sich nicht dem Spektakel der Politik von oben unterordnet nichtig sei, Sie sagen uns: sterbt oder ergebt Euch. Sie geben uns sogar das Alibi, indem Sie folgendermaßen argumentieren: nachdem es sich um die Machtübernahme handelt, gibt es nur diese zwei Wege.

Ach! Und wir, die wir so unfolgsam sind, weder sterben wir, noch ergeben wir uns. Und wie sich das am Weltuntergangstag bestätigt hat: weder Wahlkampf noch bewaffneter Kampf.

Und wenn es sich nicht um die Machtübernahme handelt? Noch besser... Und wenn die Macht nicht mehr in diesem Staat-Nation beheimatet ist, diesem Zombi-Staat, der von einer parasitären Politikerklasse, die den Raub der Reste der Nation praktiziert, bewohnt wird?

Und wenn die Wähler, von denen Sie so besessen sind (daher kommt Ihr Entzücken mit den Massen) nichts anderes tun als jemand wählen, der bereits von anderen ausgesucht wurde, wie ´Sie´ das ein ums andere Mal vorgeführt haben, während ihnen jeder neue Trick, den sie anwenden, unbändigen Spass bereitet?

Ja klar, Sie verstecken sich hinter Ihren Vorurteilen: jene, die nicht wählen? ´Die sind apathisch, denen fehlt das Interesse, die haben keine Bildung, die werden von den Rechten ausgenützt...´, Ihre Alliierten in so vielen Geographien, in nicht wenigen Kalendern. Sie wählen aber nicht Euch? ¨Ja das ist, weil sie Rechte sind, weil sie dumm sind, weil sie sich verkauft haben, weil sie Verräter sind, weil sie Hungerleider sind, weil sie Zombies sind!´

Anmerkung von Marquitos Spoil: Ja wir sympathisieren mit den Zombies. Nicht nur wegen unserer äußeren Ähnlichkeit (sogar ohne Schminke würden wir beim Casting zu ´The Walking Dead´ alle anderen ausstechen). Auch und vor allem deshalb weil wir, wie Georg A. Romero der Meinung sind, dass in einer Zombi-Apokalypse, die grausamste Brutalität von der überlebenden Zivilisation käme und nicht von den Toten, die herumstreifen. Und wenn eine Spur von Menschlichkeit übrig bleiben sollte, würde diese in den ewigen Parias aufscheinen, die lebenden Toten, für die die Apokalypse bei ihrer Geburt beginnt und nie endet. Wie das in diesem Moment in allen Ecken aller existierenden Welten der Fall ist. Und es gibt weder einen Film, noch ein Comic, noch eine TV-Serie, die darüber berichten würde.

Ihr Blick ist voller Geringschätzung, wenn er nach unten gerichtet ist (selbst wenn es im Spiegel ist) und voller Seufzer des Neides, wenn er nach oben gerichtet ist.

Sie können sich nicht einmal vorstellen, dass jemand kein anderes Interesse hat, dieses ´Oben´ zu beobachten, als zwecks der Erforschung einer Möglichkeit, wie man sich dieses ´Oben´entledigen kann.

*


Schauen. Wohin und von woher. Das ist das, was uns erwartet.

Sie glauben, dass Sie die Einzigen sind, wir wissen, dass wir einer/eine mehr sind.

Sie schauen nach oben, wir nach unten.

Sie schauen, wie Sie sich anpassen, wir, wie wir nützlich sein können.

Sie schauen, wie Sie befehlen können, wir, wie wir begleiten können.

Sie schauen, wie viel man verdient, wir, wie viel man verliert.

Sie schauen das an, was ist, wir, was sein könnte.

Sie sehen Ziffern, wir sehen Menschen.

Sie rechnen Statistiken, wir Geschichten.

Sie sprechen, wir hören zu.

Ihr schaut Euch an, wie Ihr auf andere wirkt, wir schauen den Blick an.

Ihr schaut uns an und fragt uns, wo wir waren, wenn Euer Kalender Eure ´historischen´ Dringlichkeiten aufwies. Wir schauen Euch an und wir fragen nicht, wo Ihr in diesen mehr als 500 Jahren der Geschichte gewesen seid.

Sie schauen, wie Sie die Konjunktur ausnützen können, wir, wie wir sie schaffen können.

Ihr sorgt Euch um die zerbrochenen Glasscheiben, wir um die Wut, die sie zerschlägt.

Sie sehen die Vielen, wir die wenigen.

Ihr seht unüberwindliche Mauern, wir sehen Sprünge.

Sie sehen das Mögliche, wir das Unmögliche, nur bis zum Vorabend.

Ihr sucht Spiegel, wir suchen Kristalle.

Sie und wir, wir sind nicht gleich.

*


Sie sehen den Kalender von oben und danach richten Sie den Frühling der Bewegungen, die Massen, die Feste, die Massen-Rebellionen, die Straßen, die von Gesängen, Farben, Leitsprüchen und Forderungen überborden, die, die schon viel mehr als 132 sind, die vollen Plätze, die sehnsüchtigen Urnen die darauf warten, von Stimmzetteln gefüllt zu werden und Sie laufen aufgeregt herum, denn- natürlich-fehlt-Ihnen-eine-revolutionäre-parteiliche-Führung-eine Politik-der – großen-flexiblen-Allianzen-, denn-die Wahlen-das- ist Ihr-natürliches-Schicksal-aber-sie sind-sehr jung-sehr Schicki-Mickis-Kleinbürgerliche-¨Kinder aus gutem Haus´-/ dann-Lumpen-Vorstadtviertel-Bande-Proleten-Anzahl der potentiellen Wähler-Dummköpfe-Unerfahrene-Einfaltspinsel-Ungeschickte-Narren, vor allem Narren. Und Sie sehen in jeder grossen Manifestation die Vollendung der Zeiten. Und nachher, wenn es keine Massen mehr gibt, die weder sehnsüchtig einen Führer suchen, noch Urnen, noch Feste, dann entscheiden Sie, dass es aus ist, dass nichts mehr geht und mal sehen, ob es beim nächsten Mal klappt. Das heißt 6 Jahre warten, sechs Jahrhunderte, das heißt wegschauen, aber immer auf den Kalender der von Oben blicken: das Verzeichnis, die Allianzen, die Posten.

Und wir, immer mit schielendem Blick, wir gehen im Kalender zurück, wir suchen den Winter, wir schwimmen gegen den Strom, wir überqueren den Bach und kommen zur Quelle. Dort sehen wir die, die anfangen, die, die wenige sind, die unwichtigsten. Wir sprechen sie nicht an, wir grüßen sie nicht, wir sagen ihnen nicht, was zu tun ist, wir sagen ihnen nicht, was nicht zu tun ist. Aber wir hören ihnen zu, wir sehen sie respektvoll und bewundernd an. Und sie bemerken vielleicht nicht einmal die kleine rote Blume, die einem Stern gleicht, so klein, dass sie nur ein Steinchen ist und unsere Hand lässt sie unten, in der Nähe ihres linken Fußes. Nicht, weil wir ihnen so sagen wollen, dass die Felsenblume unsere war, der Zapatistinnen und Zapatisten. Nicht, damit, sie dieses Steinchen nehmen und auf etwas werfen, oder auf jemanden - obwohl dazu genügend Motive vorhanden wären. Sondern, weil es vielleicht unsere Art ist, unseren Compañeras und Compañeros der Sechsten zu sagen, dass der Bau der Häuser und der Welten immer mit kleinen Geröllsteinchen beginnt und dann wachsen sie, und dann erinnert sich kaum jemand dieser Felsbrocken, die anfangen, so klein, so unwichtig, so unnütz, so allein, und dann kommt eine Zapatistin, ein Zapatist und der sieht das Steinchen, er grüßt es und er setzt sich an seiner Seite nieder. Sie sprechen nicht, denn die kleinen Felsen, ebenso wie die Zapatisten, sprechen nicht......bis sie dann sprechen, und dann, je nach dem, schweigen sie. Aber nein, nein, sie schweigen nie, es ist nur so, dass niemand zuhört. Oder weil wir vielleicht weiter weg im Kalender gesehen haben, und weil wir schon früher wussten, dass diese Nacht kommen wird. Oder vielleicht, weil wir ihnen sagen – obwohl sie das nicht wissen, aber wir wissen es - dass sie nicht alleine sind. Denn mit den Wenigen beginnen die Dinge, und sie beginnen immer wieder von Neuem.

*


Sie haben uns früher nicht gesehen ..... und Sie schauen uns weiterhin nicht an.

Und vor allem, Sie haben nicht gesehen, wie wir Sie angeschaut haben.

Sie haben uns nicht angeschaut, als wir Sie in Ihrem Hochmut sahen, als Sie blödsinnigerweise die Brücken zerstörten, die Wege unterhöhlten, sich mit unseren Verfolgern vereinten, uns verachteten.
Und Sie überzeugten sich selbst, dass nicht sein kann, was in den Medien nicht existiert.
Sie sahen uns nicht, als wir Sie ansahen und Sie sagten, und Sie sagten sich, dass Sie so auf festem Land bleiben, das Mögliche ist der feste Boden, Sie haben die Verankerung von diesem absurden Boot - absurd und unmöglich - abgeschnitten und es sind diese Verrückten (wir) gewesen, die abgedriftet sind, abgesondert, allein, ohne Ziel, mit unserer Existenz unsere Konsequenz zahlend.

Sie könnten das Wiederaufstehen als Teil Ihrer Siege sehen, und jetzt käuen Sie es wieder, wie eine weitere Ihrer Niederlagen.

Geht nur, folgt Euren Weg.

Hört uns nicht, seht uns nicht.

Denn mit der Sechsten und mit den ZapatistInnen kann man nicht straflos schauen noch hören.

Und das ist unsere Tugend oder unser Fluch, kommt ganz darauf an, wohin man schaut und vor allem, von woher man seinen Blick aufleuchten lässt.

(Fortsetzung folgt...)

Von irgendeinem Winkel aus irgendeiner Welt

SupMarcos
Planet Erde
Februar 2013

 Quelle:  
  http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2013/02/06/ellos-y-nosotros-vi-las-miradas/ 
 

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