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Bilinguale Radiosendungen der Zapatisten informieren indigene Frauen über ihre Rechte

La Jornada vom 12.07.2003
Hermann Bellinghausen
übersetzt von katja (Köln)

  "Weil uninformiert zu sein bedeutet unbewaffnet zu sein, hör` Radio Insurgente, "die Stimme der Stimmlosen", ausgestrahlt von einem Ort irgendwo in den Bergen im Südosten Mexikos", verkündet eine weibliche Stimme mit ausgeprägtem Maya Akzent. Das ganze wird auf UKW gesendet, und zwar von dort wo es praktisch der einzig existierende Radiosender ist, den mensch empfangen kann.

Seit geraumer Zeit schon machen in diesem Teil Mexikos, den Cañadas und den Altos, zapatistische Radiosendungen von sich reden. Ihre Reichweite begrenzen sich meist nur auf wenige Kilometer, aber in den Dörfern der chiapanekischen Berge und in einigen Gemeinden an der Strasse können sie empfangen werden. Angeblich handelt es sich nicht nur um eine Sendung, sondern um mehrere; manche davon auf tzotzil, wieder andere auf tzeltal. In der lakandonischen Selva gefallen denen, die das Programm gestalten z.B. die "Tigres del Norte", in den Altos hingegen dominiert eher der Marimba. Nirgendwo dürfen jedoch die zapatistischen corridos fehlen. Ob es nun der eher traditionelle Song mit Violine oder eher der mit Akordeon im norteno- style und mit Cumbia Einfluß ist, sowohl lateinamerikanische Revolutionslieder als auch die Nueva trova Cubana, Liebeslieder die von der traurigen Geschichte Illegaler erzählen oder die allseits bekannten und beliebten Rancheras , all das findet Platz in den zahlreichen Musiksendungen von `Radio Insurgente `.

Aber nicht nur Musik, sondern auch Diskurse und Diskussionen der zapatistischen "Comandantes", oder gar Aufnahmen von den Treffen der Zapatistas werden ab und an gesendet. Der Schwerpunkt jedoch liegt offensichtlich auf Musik und den bildungsorientierten Nachrichtenprogrammen, die normalerweise bilingual (auf spanisch und tzeltal oder tzoztil) ausgestrahlt werden und sich meist an die Kinder, die Frauen oder ganz allgemein an die "jungen Leute auf der ganzen Welt" richten.

" Zapata war genauso wenig ein Fremder, wie die unseren es sind. Sie sind echte Mexikaner, fast alle sind Chiapaneken und so "naturales" wie "matas de nogales" (Anmerkung der Übersetzerin: mir ist partout keine deutsche Entsprechung für das spanische Sprichwort — auf deutsch:"so natürlich wie eine Nußbaumplantage" — eingefallen, daher habe ich es bei der spanischen Version belassen)" ..,singt ein von einem Akkordeon begleiteten Trio. Um sich gebührend auf Radio Insurgente einzustimmen, könnte mensch sich alternativ einen mexikanischen schwarz- weiß Streifen der vierziger Jahre vorstellen, oder auch wahlweise die moderne Farbfilmversion des 21. Jahrhunderts. Radio Insurgente liefert hierfür jeweils den passenden Soundtrack in dem Pedro Infante noch einmal sein Bestes gibt, während nur einige Momente später heiße Rockrhythmen oder kurze Samples von Manu Chao zu hören sind.

Dann erklärt eine junge indigene Frau:

"Hör` zu Frau, träumst du von einer schönen Zukunft ? Also wir hier sagen dir, dass du deinen Partner selbst aussuchen kannst und dich niemand gegen deinen freien Willen zur Heirat zwingen kann. So besagt es nämlich das revolutionäre Frauengesetz der EZLN !".

Eine recht kühne Botschaft in den — die Geschlechter betreffend — immer noch recht "traditionellen" Gegenden. " Du hast das Recht zu studieren, und daruf, dass dein Partner dich respektvoll behandelt. Du hast das Recht dich zu vergnügen und dich auszuruhen. Weiterhin hast du das Recht zu verlangen, dass dein Ehemann dich in der Küche, beim Waschen und bei der Erziehung der Kinder unterstützt. Du hast das Recht deinem Mann gegenüber "nein" zu sagen, wenn du müde bist, dich schlecht fühlst oder keine Lust hast." Und von den Hütten der Vertriebenen in Polhó und Actetal ertönen die Stimmen eines feministischen Chors:" Auf geht’s Frauen dieser Erde/ kämpfen wir für die Befreiung / wir Frauen zusammen gegen den Imperialismus/ wir Frauen zusammen in der Revolution." Die Botschaft wird sofort im Anschluß von ein und derselben Sprecherin auf tzotzil übersetzt.

Mit "Carabina 30-30" in der Originalversion und einer Scratcheinlage, die uns wie 78 Umdrehungen pro Minute vorkommt, kehren wir zurück ins 20. Jahrhundert und zwar mit bilingualen Bekanntmachungen und Originalreden von Emiliano Zapata. Als ob die Zeit in bestimmten Bereichen stehen geblieben wäre, hören wir Auszüge aus dem "Agrarmarsch" (Marcha Agrarista) aus Zeiten des Generals Lázaro Cárdenas: " Wir Bauern marschieren auf die Felder/ um die Samen des Fortschritts zu säen." Daneben gibt es auch Aufrufe zur Toleranz und zum Zusammenleben in den verschiedenen indigenen Gemeinden und "elf Gründe" um den Zapatistensender zu hören: Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Friede, Gerechtigkeit, Arbeit, Gesundheit, Ernährung, Erziehung, Unterkunft und Land.

"Wenn du von tausenden Soldaten umzingelt lebst, wenn du der Regierung längst nicht mehr glaubst, wenn du von Paramilitärs bedroht und verfolgt wirst oder sie dich vertrieben haben; wenn du Teil des Kampfes bist und nichts zu tun hast- dann höre Radio Insurgente", laden weibliche Sprecherinnen ein. Ursprung des Ganzen sind die Audiokassetten die jahrelang hier und da in den Radios, an Eselsrücken festgemacht oder auch zu Fuß mitgenommen und abgespielt wurden. Indigenas selbst hatten Programme oder Nachrichten aufgenommen.

Das Zamisdat der Campesinos, die weder lesen noch schreiben können. Leider ist es auch ein sehr "flüchtiges" Medium, da der Empfang jederzeit gestört (oder auch blockiert) werden kann.

Eine Probesendung des Radios ist im April diesen Jahres in der Hauptstadt eingegangen; zu hören war die Stimme von Subcomandante Marcos mit einer Botschaft gegen die Invasion im Irak, und zwar während einer Versammlung vor der amerikanischen Botschaft:" Das ist Radio Insurgente, die Stimme der EZLN, ausgestrahlt vom Südosten Mexikos auf 69FM im 69- Meter-Band. AM übertragen wir nicht, daher auf jeden Fall PM" hört man den Sprecher sagen, der sich als "Cartas marcadas" ausgibt. (diese Übertragung insbesondere kommt vom DJ "Durito" und ist eine Musiksendung mit einer Mischung aus Punk, Metal, und Techno; mensch kann sie auf der EZLN Webseite "Ya Basta" hören).

In der Zwischenzeit im staatlichen indigenen Radio........als Kontrast bedienen wir uns einer Episode die im letzten Juni in eben diesem offiziellen indigenen Radio passiert ist. Sich auf Artikel 47 des föderalen Arbeitsgesetzes berufend, verabschiedete sich Margarito Ruiz Hernandez , staatlicher Delegierter des nationalen indigenen Instituts (INI) in aller Öffentlichkeit von seinem Kommunikationstechniker und tzotzil-Übersetzer Domingo Gómez Castellanos von dem Rundfunksender XEVFS, "Der Stimme der Südlichen Grenze", der hauptsächlich in der Selva und der Grenzregion bis nach Guatemala sendet. Der Staatsbeamte beschuldigt den Angestellten des "Mangels an Rechtschaffenheit, Gewalttaten, Drohungen, Beschimpfungen oder gar schlechtem Benehmen gegenüber seinem Arbeitgeber", des weiteren wirft er ihm "das Begehen von Straftaten — außerhalb des Dienstes- an seinem Chef, dessen Familie oder seinen persönlichen Beratern" vor, "die es unmöglich machen das Arbeitsverhältnis aufrecht zu erhalten."

Dem indigenen Delegierten zufolge (Oficio No. DE 784/2003) bestehen die unerträglichen "Straftaten" von Gómez Castellanos darin, den Rundfunksender öffentlich zu kritisieren, und zwar insbesondere das Einstellen der Nachrichten in tojolabal und tzotil. Der heute arbeitslose Arbeitnehmer Gómez Castellanos traute sich der XEWM, einem kommerziellen Rundfunksender von San Cristobal de las Casas zu erklären" dass bezüglich der Ereignisse in unserer Region wir zuallererst durch Gerüchte und andere Wege der Kommunikation erfahren, was passiert ist. Was bringt unseren Gemeinden ein Kommunikationsmedium, das uns nicht mit Information versorgt? Es scheint vielmehr ein Medium von Inkommunikation zu sein....und zwar der politischen Kämpfe die wir leben".

In Realität war das, was der Kommunikationstechniker verlangte, die Erfüllung der Verträge von San Andres, aber das versucht sein ehemaliger Arbeitgeber zu vertuschen, der trotz alledem hinnehmen muss, dass Gómez Castellanos öffentlich äußert, dass "der Moment gekommen ist, die XEVFS de las Margaritas und die XECOPA de Copinala in tatsächlich indigene Kommunikationsmittel zu verwandeln. Dafür wäre allerdings ein Wechsel in der Führungsebene notwendig sowie die Ernennung eines Verantwortlichen, für den das Medium Radio eine kulturelle Stärkung der indigenen Völker darstellt."

Angesichts solch krimineller Äußerungen, leiteten die Verantwortlichen des INI Rechtsschritte ein und beschlagnahmten den Computer des Angeklagten, in dem der anstößige Text " die kulturellen Radios führen zu einer Homogenisierung der Kulturen" zu finden war. Beim Verhör gab Gómez Castellanos zu der "geistige und materielle Urheber/Eigentümer" des Geschriebenen zu sein und bekannte sich öffentlich zu dessen Inhalt. Da es die Angestellten und das INI in seiner Verantwortung in ein zweifelhaftes Licht stellte, wurde der Angestellte am 18. Juni entlassen.

Szenen des Widerstandes per Rundfunk. Trotz Unterbrechungen und technischer Behinderungen, lauert Radio Insurgente in bestimmten Gebieten der autonomen Bezirke und stört Radiorezeptoren jedmöglicher Fahrzeuge, die in dieser Gegend unterwegs sind. Auf diese Art und Weise kann es mit seinen Nachrichten alle Radios der Militärbasen infiltrieren, die in Reichweite des Senders liegen.

" Soldat der du auch Teil des Volkes bist, hör zu. Du bist einer von uns. Du bist genauso arm wie wir. Wenn du aufhörst Soldat zu sein, wirst du endlich ein würdiges Leben führen", hört man die Stimme einer indigenen Frau sagen.

" Hör auf gegen deine eigenen Leute, deine eigene Familie und deine Nachbarn zu kämpfen. Verkaufe dich nicht für die paar Krümel, die euch die Regierung zuwirft. Hör auf, die Befehle einer Regierung zu akzeptieren, die nur den Reichen hilft und die Armen nur noch ärmer zurücklässt. Bruder Soldat, Mann des Feldes, wenn du den geringen Lohn, den dir die Armee bezahlt, akzeptierst, verkaufst du deine Würde. Schließe dich deshalb dem Leben des Aufstandes an, das ein interessantes, freies und würdiges Leben ist. Auf diesem Wege wirst du viele entschlossene und lebensfreudige Companeros und Companeras kennen lernen."

Die Botschaft endet mit den Worten:" Um glücklich zu sein braucht mensch weder Geld noch die Hilfe der Regierung. Lass das Militär sein und desertiere! Es wird Zeit die Augen zu öffnen und einen gerechten Weg für alle zu schaffen."

 Quelle:  
  http://www.jornada.unam.mx/ 
 

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