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Fünf Mal so viele Schweine wie Menschen

ILA vom 21.12.2013
Von Peter Clausing

  Industrielle Schweinmastanlagen zerstören die Umwelt und rufen gesundheitliche Schäden hervor. Sie verunreinigen das Grundwasser sowie Oberflächengewässer und können Atembeschwerden, Nierenprobleme und andere Erkrankungen hervorrufen. Untersuchungen belegen die psychischen Wirkungen des permanenten Gestanks, den Mastfabriken erzeugen. All das bekommen auch die BewohnerInnen des Perote-Tals im mexikanischen Bundesstaat Veracruz zu spüren. Doch es bedurfte erst des Ausbruchs der vom H1N1-Virus hervorgerufenen Schweinegrippe im Jahr 2009, um die dortigen Verhältnisse ins Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit zu rücken. Der Ursprung dieser zeitweise von der Weltgesundheitsorganisation als globale Epidemie (Pandemie) eingestuften Grippewelle ließ sich in den Ort La Gloria zurückverfolgen, der sich in unmittelbarer Nähe zu einer der Mastfabriken des Unternehmens Granjas Carroll (GC) befindet.

In Mexiko fand in den letzten Jahrzehnten ein wirtschaftlicher Konzentrationsprozess statt, in Folge dessen heutzutage 60 Prozent des Schweinefleischs in »technologisch fortgeschrittenen« Betrieben produziert wird, was für den 150 Quadratkilometer großen Landkreis Perote (die Hälfte der Fläche von München) bedeutet, dass von den dort seit 1994 errichteten Mastfabriken alle vier Monate 330000 Schlachtschweine ausgespuckt werden. In Perote leben fünf Mal so viele Schweine wie Menschen.

Die Vorgänge im Perote-Tal sind ein Lehrbeispiel für Funktionsweise und Folgen neoliberalen Wirtschaftens. Nachdem 1994 das Freihandelsabkommen NAFTA in Kraft trat, gingen die dortigen Tabak- und KaffeeproduzentInnen reihenweise in den Bankrott. GC konnte nicht nur billig Land kaufen, sondern hatte auch die Möglichkeit aus einem Heer von Erwerbslosen die Gefügigsten auszusuchen. Beim Einzug in das Perote-Tal 1994/95 gründeten die Granjas Caroll (die Caroll-Farmen) und der US-amerikanische Marktführer Smithfield als Joint Venture Granjas Caroll de México. Im Jahr 1999 übernahm Smithfield das Geschäft komplett, um dann im September dieses Jahres selbst aufgekauft zu werden – für 7,1 Milliarden Dollar vom chinesischen Konzern Shuanghui, von dem eine kürzlich veröffentlichte Studie behauptet, dass er von Goldman Sachs kontrolliert wird.

Die schnelle und ungehemmte Ausbreitung der Mastfabriken trifft in Mexiko auf besonders günstige Bedingungen aufgrund ohnehin schwacher Umweltgesetze, die zudem nicht durchgesetzt werden (1). So stellten Regierungsbehörden im Februar 2006 bei einer Inspektion der GC-Produktionsstätten zahlreiche Verstöße fest. Doch in keinem einzigen Fall wurde eine Geldstrafe erhoben. Aus den unversiegelten Gülleseen gelangen Stickstoff und andere in den Exkrementen enthaltene Schadstoffe ins Grundwasser. Oder sie laufen bei starken Regenfällen über und die Gülle ergießt sich in die Oberflächengewässer. Die Auswirkungen sind bis in den Golf von Mexiko nachweisbar. Die von GC als »anaerobische Zersetzer« gepriesenen Behälter, in denen die während der Mast verendeten Tiere landen, sind in Wirklichkeit einfache Gruben mit einer Metallabdeckung. Die darin verwesenden Kadaver sind Brutstätte für Millionen Fliegen, die zur unerträglichen Plage wurden. David Bacon (2) schildert, wie in den Dörfern die Kinder in warmen Nächten aufwachen und sich wegen des Gestanks übergeben müssen, so dass ihre Eltern mit ihnen in entferntere Gegenden fahren, um den Rest der Nacht auf dem Pickup verbringen. Die Zerstörung der lokalen Ökonomien rief eine massive Migration aus Veracruz in die USA hervor – schlagender Beweis gegen die angebliche Schaffung von Arbeitsplätzen. Die 1200 Jobs, die in den Mastfabriken im Perote-Tal geschaffen wurden, stehen Abertausenden von Leuten gegenüber, die nach North Carolina emigrierten, um auf den dortigen Tabakfeldern zu arbeiten oder um in Tar Heel, im weltgrößten Schweineschlachthof, den Smithfield 1992 in Betrieb nahm, die Afroamerikaner abzulösen, die nicht länger bereit waren, unter den herrschenden Bedingungen zu arbeiten.

In einem solchen gesetzlosen Zustand bleibt den Betroffenen sozialer Protest als einziges Mittel. Nach zwei Jahren immer wiederkehrender Straßenblockaden und anderer Protestformen hatten die 18 zu den Pueblos Unidos vereinigten Gemeinden des Perote-Tals schließlich Erfolg: Im Jahr 2007 unterzeichneten der Chef von GC und die Gemeindepräsidenten ein Abkommen, in dem sich das Unternehmen verpflichtete, keine weiteren Mastanlagen zu bauen. Doch der Frieden währte nicht lange. Im darauffolgenden Jahr erstattete GC gegen Verónica Hernández, Lehrerin in La Gloria, und 13 weitere AktivistInnen Anzeige wegen »Diffamierung«. Die Anzeige wurde später zwar für gegenstandslos erklärt, aber in den zwei Jahren bis dahin mussten sich die Beschuldigten alle 14 Tage beim Gericht melden. Sowohl die AktivistInnen als auch die BewohnerInnen der Dörfer waren eingeschüchtert und die Protestbewegung verlor an Schwung. Dennoch protestierten die 18 Gemeindepräsidenten öffentlich, als im August 2011 bekannt wurde, dass der Präsident des Landkreises Guadalupe Victoria unter Verletzung des 2007 getroffenen Abkommens dem Bau weiterer Mastfabriken zugestimmt hatte. Auch der Schweinegrippen-Skandal schaffte es nicht, GC ausreichend zu diskreditieren. Der Konflikt besteht weiter.

(1) Ponen-Gonzalez, A.G. & Fry, M. (2010): Pig pandemic: Industrial hog farming in eastern Mexico. Land Use Policy 27, S. 1107-1110.
(2) Bacon, D. (2013) The right to stay home: How U.S. policy drives Mexican migration, Beacon Press, 328 S.

 Quelle:  
  http://www.ila-web.de/ 
 

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