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»Die Regierung schaut weitgehend tatenlos zu«

 

Interview mit Alejandra Sánchez

junge welt vom 29.04.2016
Gitta Düperthal

  In Mexiko gehört Gewalt – sei es von Militär, Polizei oder Banden – zum Alltag. Besonders Frauen sind bedroht. Gespräch mit Alejandra Sánchez

Der Länderschwerpunkt des Internationalen Frauenfilmfestivals in Köln in der vergangenen Woche lag auf Mexiko. Das Land gilt als eines der gewalttätigsten weltweit, was sich auch in den Spiel- und Dokumentarfilmen der Filmemacherinnen widerspiegelte. Haben Angriffe auf Frauen aktuell zugenommen?

Seit etwa 15 Jahren gibt es ständig mehr Gewalt gegen Frauen. Ich habe kürzlich gelesen, dass Mexiko auf Platz eins der weltweiten Liste rangiert. Bedenklich ist die Mischung: organisierte Kriminalität, miteinander rivalisierende Drogenkartelle, korrupte Behörden. Die Regierung schaut weitgehend tatenlos zu. Schwer auszumachen ist, wer bei den Gewalttaten agiert. Ist es der Staat selber oder sind es Banditen? Laut Amnesty International ist derzeit der Verbleib von 27.000 Menschen in Mexiko unbekannt. Willkürliche Inhaftierungen und Misshandlungen durch Polizei und Militär sind an der Tagesordnung. Es geht um das Verschwindenlassen von Menschen. Darum, wie wenig das Leben wert sein kann, wenn das Töten zum Alltag gehört. Dort als politische Aktivistin oder Journalistin zu leben, ist riskant.

Ihr Spielfilm »Seguir viviendo« (deutsch: Weiterleben) ist ein Roadmovie der besonderen Art. Wie detailgenau zeigt er die Realität des Landes?

Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit, nur einige Szenen sind um fiktiven Stoff ergänzt. Der Plot: Nachdem ihre Mutter, eine Menschenrechtsaktivistin, 2001 vor ihren Augen ermordet wurde – und ihre Großmutter zehn Jahre später angeschossen –, sind auch die Teenager Jade und Kaleb ins Visier von Killern geraten. Eine Journalistin soll helfen, die Jugendlichen außer Landes zu bringen. Die Geschichte ist weitgehend dokumentarisch. Die beiden Teenager spielen sogar in meinem Film mit: Dass sie bedroht wurden, ist leider sehr real. Ich selber hatte sie 2011, über einen Anwalt vermittelt, aufgenommen und in meiner Wohnung versteckt. Die Szenen der Autofahrt der Journalistin mit den Kindern in Richtung Mexiko-Stadt sind dagegen erfunden. Im Roadmovie lässt sich gut zeigen, dass die Fahrt durch ein Land der ständigen Bedrohung geht.

Bei einer Zwischenstation in Mexiko-Stadt, zu Besuch bei einem Freund der Journalistin, wird überströmende Lebensfreude und Solidarität spürbar. Ihr Film vermittelt etwas Hoffnung?

Es geht um erlebte Gewalt, aber auch um die Notwendigkeit vertrauenswürdiger Personen. Der Transvestit Tito, der im Film die Journalistin und die Teenager aufnimmt und sie wieder zum Lächeln bringt, existiert wirklich. Er ist ein Menschenrechtsaktivist und tritt für sexuelle Freizügigkeit ein. Mexiko-Stadt ist trotz allem eine weltoffene Stadt. Wir müssen täglich verteidigen, dass wir ein Recht darauf haben, glücklich zu sein.

Ist das Filmemachen in Mexiko schwierig?

Ja. Ein Gremium der staatlichen Filmförderung wählt unter hundert Filmen etwa sieben aus, die staatlich gefördert werden. Es ist unabhängig besetzt, aber die von Steuergeld finanzierten Budgets sind knapp.

Gibt es Zensur?

Die Auswahl läuft zunächst frei und offen. Später aber kann passieren, dass der Film nicht gezeigt werden kann. Etwa wenn staatliche Institutionen und das Fernsehen es nicht wollen, falls er beispielsweise die katholische Kirche zu stark kritisiert. Oder ein privater Sender kauft ihn, zeigt ihn jedoch nicht.

Was planen Sie als nächstes?

Ich möchte mit meiner Produzentin Celia Iturriaga ein neues Filmprojekt starten. Wir planen eine Dokumentation über eine Mädchenclique, die in die organisierte Kriminalität abrutscht, und recherchieren derzeit, wie der soziale Kontext ist. Um Geld zu verdienen, brauchen wir beide einen weiteren Job: Celia als Freiberuflerin mit Serienskripts, ich als Professorin an der Universität.

 Quelle:  
  https://www.jungewelt.de/2016/04-29/033.php 
 

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