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Angriff auf zapatistische Demonstration

Poonal vom 15.04.2004

  (Zinacantán/Mexiko-Stadt, 14. April 2004, poonal).- Der Ostersamstag war ein schwarzer Tag für die aufständische indígene Bevölkerung im südmexikanischen Chiapas: Über 5.000 Anhänger des Zapatistischen Befreiungsheers EZLN demonstrierten in der Gemeinde Zinacantán nahe der Provinzhauptstadt San Cristobal de las Casas. Sie wollten damit zapatistische Dörfer unterstützen, deren Trinkwasserversorgung durch die Gemeindeverwaltung abgeschnitten worden war.

Doch die friedliche Demonstration wurde in einen Hinterhalt gelockt und mit Steinen, Feuerwerkskörpern und auch Schusswaffen angegriffen. Die Bilanz der Auseinandersetzungen, die in der Nähe der Stadt San Cristobal de las Casas stattfanden, sind 29 Verletzte, davon etwa ein Dutzend Zapatisten, von denen zwei in Lebensgefahr schwebten. 125 Familien mussten aus Angst vor weiteren Angriffen vorläufig aus ihren Dörfern flüchten.

Zunächst hatte alles sehr friedlich begonnen. Von einer Sirene angekündigt und von Sprechchören begleitet trafen etwa 200 Fahrzeuge in einem endlos scheinenden Konvoi im Zentrum von Zinacantán ein. Die Pickups, Lastwagen und Schulbusse waren vollbesetzt mit Frauen und Männern in indianischer Tracht. Ihre Gesichter hatten die unerwarteten Besucher und Besucherinnen mit schwarzen Wollmützen verhüllt. Nur die Augen ließen sie erkennen.

Doch trotz des martialischen Aussehens hatten die Dorfbewohner augenscheinlich keine Angst. Neugierig blieben sie am Straßenrand stehen, um dem Schauspiel beizuwohnen. Parolen und ein Flugblatt erinnerten sie daran, dass der 10. April nicht nur Ostersamstag, sondern auch der 85. Jahrestag der Ermordung von General Emiliano Zapata ist. Zapata kämpfte Anfang des 20. Jahrhunderts während der mexikanischen Revolution für die Ärmsten und Schwächsten der Bevölkerung.

Doch der eigentliche Anlass für die Kundgebung war lokaler Natur: Es ging um den Zugang zu Wasser, eine in der monatelangen Trockenzeit von Chiapas lebenswichtige Notwendigkeit. Die Gemeindeverwaltung hatte seit Monaten drei Dörfer aus ihrem Einzugsbereich von der Wasserversorgung abgeschnitten. Da sich die Bewohner der Dörfer nicht an den Gemeindearbeiten beteiligen würden, hätten sie kein Anrecht auf Wasser, hieß es aus dem Bürgermeisteramt.

Dem widersprachen die Mitglieder der Dörfer. Immer wieder habe es Versuche gegeben, den Konflikt zu lösen. Für sie ist der Grund für das Vorgehen der Gemeindeverwaltung eindeutig: Die Bewohnerinnen und Bewohner von Jechvó, Elambó Alto und Elambó Bajo sympathisieren mit den Zapatisten und nicht mit der Partei der Demokratischen Revolution, der PRD. Die aber stellt den Bürgermeister. Die zapatistischen Demonstranten, die 16 autonome Gemeinden des umliegenden Hochlands vertraten, forderten nun mit ihrer Aktion eine vernünftige Beilegung des Konflikts.

Früher hatten Anhänger der PRD und die Zapatisten meist gemeinsame Sache gemacht, schließlich galt die Partei als links. Vor allem sozialen und unabhängigen gewerkschaftlichen Bewegungen, nicht zuletzt aber auch dem zapatistischen Aufstand verdankt die PRD ihr bundesweites parteipolitisches Gewicht. Im Bundesstaat Chiapas hatte man lange Zeit einen gemeinsamen Feind: die Regierung der PRI, der Partei der Institutionellen Revolution. Doch seit August 2000 ist die PRD in einer Mehrparteienkoalition an der Landesregierung beteiligt, während die PRI nicht mehr in der Regierung vertreten ist. Seither ist es aus mit der gemeinsamen Front. In vielen Regionen, in denen die Zapatisten stark sind, haben sie sich mit den Sympathisanten der PRD zerstritten. Immer wieder kommt es zu Konfrontationen. Beispielsweise, weil die PRD-nahen Gemeinden nun im Gegensatz zu früher Gelder der chiapanekischen Regierung annehmen, während die Zapatisten diese Almosen, wie sie es nennen, prinzipiell ablehnen.

Nach der Kundgebung fuhr der Konvoi weiter. Ihr Ziel war Jechvó, eine der vom Wasser abgeschnittenen Gemeinden. Die Zapatisten hatten hunderte Flaschen und mehrere Container Trinkwasser mitgebracht, um den dortigen Familien über die nächsten Wochen zu helfen. Die Milizionäre trugen das Wasser an seinen Bestimmungsort. Auch hier wurde wieder auf dem Dorfplatz eine Ansprache gehalten, auf Spanisch und auf Tzotzil, der hier hauptsächlich gesprochenen Indigena-Sprache.

Doch als der Konvoi weiterziehen wollte und die ersten Fahrzeuge Jechvó bereits verlassen hatten, schnappte die Falle zu: 30 bis 50 militante PRD-Anhänger aus dem benachbarten Pasté bauten eine Barrikade aus Felsbrocken, die den Fahrzeugen den Weg versperrte. Zunächst warteten die Zapatisten, doch als die Blockierer mehr wurden, zogen sie los, um den Weg frei zu räumen. Sie wurden von einem Steinhagel begrüßt. Das Drama erreichte seinen Höhepunkt, als zwei Drittel des Konvois die Blockade bereits passiert hatten und die Angreifer zurückgeschlagen schienen. Es fielen Schüsse.

Erst waren es nur Böller, doch dann wurde auch scharf geschossen. Ein Zapatist wurde zweimal in den Kopf getroffen, ein anderer in die Lunge. Viele weitere trugen Schussverletzungen an Armen, Beinen und Oberkörper davon. Der Konvoi konnte nicht weiter vorrücken, um die Angegriffenen aus dem Schussfeld zu nehmen, weil ihr vorne drei dicke Baumstämme den Weg versperrten, die gefällt und über die Strasse gelegt worden waren. Doch die Zapatisten waren gut vorbereitet: Mit einer Motorsäge entfernten sie die neuen Hindernisse.

Schließlich erreichte der Konvoi die Hauptstraße zwischen San Cristóbal und der Landeshauptstadt Tuxtla Gutierrez. Einen Schwerverletzten mussten die Zapatisten ins Krankenhaus nach Tuxtla bringen, die anderen kamen in die Klinik der autonomen Gemeinde Oventik.

Einen Tag nach dem Angriff, am 11. April, besuchte eine Delegation von Menschenrechtsorganisationen aus San Cristobal die Region. Sie stellte fest, dass zahlreiche Häuser sowie Wassertanks der zapatistisch orientierten Dörfer zerstört worden waren. 125 Familien aus den drei Gemeinden warteten darauf, dass sie wieder in ihre Dörfer zurückkehren können. Sie mussten aus Furcht vor weiteren Übergriffen der PRD-Sympathisanten aus ihren Gemeinden flüchten. Die mexikanische Tageszeitung "La Jornada" spricht davon, dass rund 500 Menschen vertrieben worden seien.

Die von der PRD mitgestellte Regierung des Bundesstaates veröffentlichte noch am selben Tag eine Erklärung. Man verurteile die Gewalt und werde weitere Vorkommnisse dieser Art nicht dulden. Es handele sich nicht um einen Konflikt zwischen PRD und Zapatisten, sondern um ein althergebrachtes Problem um den Zugang zum Wasser, ließ die bundesweite Führung der Partei wissen. Auch die konservativ-liberale Bundesregierung des Präsidenten Vicente Fox erklärte, dass es sich bei den Auseinandersetzungen um innerkommunale Probleme der indigenen Gemeinden handele. Man sei im Laufe der Legislaturperiode immer bemüht gewesen, solche "innerkommunalen Konflikte auf friedlichem und institutionellem Weg zu lösen", sagte Innenminister Santiago Creel Miranda.

Mitglieder der Menschenrechtsdelegation waren gegensätzlicher Meinung, zumal es in letzter Zeit immer wieder zu verbalen Attacken und tatsächlichen Angriffen gegen die Zapatisten gekommen war. So schrieb die rechte Tageszeitung "Reforma" vor wenigen Wochen, dass auf dem von der EZLN kontrollierten Gebiet angeblich zunehmend Drogen angebaut würden. Außerdem nehme die militärische Präsenz der Guerilla zu, sogar von einer vermeintlich geplanten Offensive wie der in den Januartagen von 1994 war die Rede. Beweise für diese Behauptungen suchte man vergebens. In den Altos nahe San Cristobal wurden zudem mehrere Zapatisten verhaftet und es kam zu Überfällen mit ungeklärtem Hintergrund.

Man sei besorgt über den Ausgang des Konfliktes in Zinacantán, von dem Kommunal- sowie Landesbehörden schon seit langem informiert seien, erklärte die Delegation nach ihrer Reise. Das Problem um die Verteilung des Wassers sei in eine Kampagne umgeschlagen, die sich gezielt gegen Familien gerichtet habe, die zur Unterstützungsbasis der Zapatisten zählen. Das Resümee der Menschenrechtler: Die Strategie des Krieges gegen die für die Anerkennung ihrer Autonomie kämpfenden indigenen Kommunen hält weiter an.


Quelle: poonal
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