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Paco Ignacio Taibo II: Die Yaqui.

 

Indigener Widerstand und ein vergessener Völkermord / Buchbesprechung

junge welt vom 20.04.2017
Von Gerd Bedszent

 

»Im wesentlichen kommunistisch«



Alles gehörte allen, und deshalb mussten sie sterben: Paco Ignacio Taibo II hat den ­vergessenen Völkermord an den Yaqui in Mexiko aufgearbeitet

Paco Ignacio Taibo II: Die Yaqui. Indigener Widerstand und ein vergessener Völkermord. Aus dem Spanischen von Andreas Löhrer, Verlag Assozia­tion A, Berlin/Hamburg 2017, 245 Seiten, 18 Euro


Paco Ignacio Taibo II: Die Yaqui.
Paco Ignacio Taibo II: Die Yaqui − Indigener Widerstand und ein vergessener Völkermord

Geht es in dieser historischen Dokumentation tatsächlich um Genozid? Auch, aber in erst Linie beschreibt der mexikanische Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II, der für seine Krimis und Biographien über Che Guevara und Pancho Villa bekannt ist, die kriminelle Enteignung einer Volksgruppe: der Yaqui aus dem Bundesstaat Sonora.

Wie schon Karl Marx schrieb, gab es in vorkapitalistischen Gesellschaften kollektiv genutzte Agrarflächen, Jagd-, Fischerei- und Holzrechte. Marx bezeichnete im »Kapital« den mit der kapitalistischen Morgenröte einhergehenden Raub dieses alten Gemeinschaftseigentums als »frechste Schändung des ›heiligen Rechts des Eigentums‹«. Mit der kolonialen Expansion der frühkapitalistischen Mächte wurde dieser Raub dann weltweit betrieben. Und die heftigsten Exzesse kapitalistischer Landnahme gab es dort, wo die Räuber auf Völkerschaften stießen, die noch keine soziale Aufspaltung kannten.

Paco Ignacio Taibo II liefert nun umfängliche Fakten über den außerhalb Mexikos wenig bekannten Vernichtungskrieg gegen die Yaqui. Wie er schreibt, war dies der längste bewaffnete Kampf in der mexikanischen Geschichte, allein in seiner entscheidenden Phase dauerte er 42 Jahre, von 1867 bis 1909.

Es ist ein bleibendes Verdienst des Autors, aus einem äußerst widersprüchlichen Gewirr von bisherigen Buchveröffentlichungen, Presseberichten und sonstigen Materialien die sozialen Hintergründe dieses Kampfes herausgefiltert zu haben. Die Yaqui waren bis Mitte des 19. Jahrhunderts einfach nur eine von vielen indigenen Minderheiten in Mexiko, hatten sich willig christianisieren lassen, bearbeiteten gemeinsam das Land, lebten in ihren acht Dörfern »im wesentlichen kommunistisch«. Soll heißen: Sie kannten kein Privateigentum, keine Sklaverei, keine Knechtschaft, keine Lohnarbeit, alles gehörte allen. Ihr gemeinsamer Landbesitz weckte jedoch die Gier von Großgrundbesitzern.

Ende des 19. Jahrhunderts zwang Präsident Porfirio Díaz Mexiko ein brutales Modernisierungsprogramm auf. Im Windschatten dieses Regimes nahmen Grundbesitzer die Enteignung der Yaqui in Angriff. Die Dörfer wehrten sich – anfangs sogar erfolgreich. Taibo II beschreibt im Detail die langwierigen militärischen Auseinandersetzungen. Mehrere Friedensschlüsse hatten keinen Bestand, da die Landfrage, der Kern des Konfliktes, ungelöst blieb. Nach mehreren Niederlagen gingen die Yaqui zu einem Guerillakrieg über. Das Militär begann daraufhin mit ihrer systematischen Auslöschung. Und da die Soldaten die Yaqui nicht von den Nachbarstämmen unterscheiden konnten, traf dies auch andere indigene Ethnien im Norden Mexikos.

Der größte Teil des Buches umfasst eine nur schwer zu ertragende Auflistung von Massakern an Frauen und Kindern, standrechtlichen Erschießungen, Lagerhaft, Zwangsdeportationen, kollektiver Selbstmorde und sonstiger Greueltaten. Die meisten Yaqui muss­ten ihr Festhalten am kollektiven Eigentum und den Widerstand gegen die Enteignung mit dem Leben bezahlen. Bis 1909, als der Vernichtungskrieg offiziell beendet wurde, wurden sie von etwa 30.000 auf knapp 7.000 dezimiert. Von diesen letzten Yaqui lebte die Mehrheit außerhalb des eigenen Territoriums. Sie waren entweder über die nahe Grenze in die USA geflüchtet oder aber mussten auf agrarkapitalistischen Plantagen im Süden Mexikos Sklavenarbeit leisten.

Doch 1909 endete zwar offiziell der Vernichtungskrieg gegen die Yaqui, nicht aber ihr Widerstand. 1911 begann die Mexikanische Revolution: Porfirio Díaz wurde von den Liberalen gestürzt. Die porfiristischen Grundbesitzer, die sich an Yaqui-Land bereichert hatten, flüchteten ins Ausland. Der neue Präsident Francisco Madero weigerte sich allerdings auch, den gemeinschaftlichen Landbesitz der Yaqui anzuerkennen. Yaqui-Abteilungen kämpften nun in den Reihen von Pancho Villas Rebellenarmee gegen porfiristische Militärs, andere standen in den Reihen der Truppen General Alvaro Obregóns. Aber auch der lehnte als erster nachrevolutionärer Präsident Mexikos eine bedingungslose Rückgabe des geraubten Landes an die Yaqui ab. Die Kämpfe dauerten bis 1927. Erst 1937 wurde dann den letzten Überlebenden etwa ein Fünftel des Stammeslandes zurückgegeben.

Eine genaue Karte des Bundesstaates Sonora wäre nützlich gewesen, auch eine Zeittafel zur hierzulande nur wenig bekannten Historie Mexikos. Und es wäre sinnvoll gewesen, etwas zur gegenwärtigen Situation der Yaqui zu schreiben. Es gibt sie nämlich immer noch. Dennoch: Ein imposantes und empfehlenswertes Geschichtswerk.

 Quelle:  
  https://www.jungewelt.de/artikel/309193.im-wesentlichen-kommunistisch.html 
 

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