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300. Erster Teil: Ein Großgrundbesitz, eine Welt, ein Krieg und wenige Aussichten.

EZLN vom 20.08.2018
Subcomandante Insurgente Moises, SupGaleano
übersetzt von Christine, RedmycZ

  Kommunique 20.8.2018

Beitrag der Kommission Sexta der EZLN beim Treffen der Unterstützungsnetzwerke des CIG und seiner Sprecherin.

(Erweiterte Version)

Aus Zeitgründen erfolgte der zapatistische Beitrag in gekürzter Form. Wir haben euch versprochen, dass wir euch das Fehlende zusenden würden. Hier die Originalversion, welche Teile der Transkription beinhaltet sowie das, was bereits gesagt wurde. Gerne geschehen. Keine Ursache.

300. Erster Teil: Ein Großgrundbesitz, Eine Welt, Ein Krieg Und Wenige Aussichten.



August 2018.


Subcomandante Insurgente Galeano:



Guten Tag und danke fürs Kommen, dass ihr unsere Einladung angenommen habt und wir euer Wort hören durften.

Wir werden jetzt unsere Methode erklären, wie wir Analysen und Bewertungen machen.

Wir beginnen damit, dass wir analysieren, was auf der Welt geschieht, dann steigen wir hinunter zum Kontinent, dann hinunter zu dem, was in unserem Land geschieht, dann in der Region und dann auf lokaler Ebene. Und dann ergreifen wir eine Initiative und wir bringen diese von der lokalen Ebene in die Region, steigern sie auf nationale Ebene, dann auf kontinentale Ebene und dann dehnen wir sie auf die ganze Welt aus.

Unserer Ansicht nach ist das weltweit dominierende System der Kapitalismus. Um uns das zu erklären und um es auch anderen zu erklären, verwenden wir als Beispiel einen Großgrundbesitz.

Ich werde den Subkomandante Insurgente Moises jetzt bitten, dass er uns davon erzählt.


Subcomandante Insurgente Moisés:



Gut denn Compañeros, Compañeras, wir befragten Compañeros und Compañeras, unsere Urgroßväter und Urgroßmütter, einige von ihnen leben noch. Was sie uns erzählt haben führte uns zu folgendem Schluss – so sehen wir es jetzt – dass die Reichen, die KapitalistInnen die ganze Welt in ihren Großgrundbesitz verwandeln wollen.

Da gibt es also den Großgrundbesitzer, den Gutsbesitzer, der Eigentümer, dem Tausende von Hektar gehören und wenn er nicht anwesend ist, dann hat dieser Patron seinen Verwalter, der auf den Großgrundbesitz aufpasst. Und der Verwalter sucht sich einen Aufseher und der kümmert sich darum, dass der Boden bearbeitet wird und der Verwalter sucht auf Befehl des Besitzers einen anderen, den man Vorarbeiter nennt, der auf das Besitztum, bzw. das Haus des Besitzers aufpasst. Und dann erzählten sie uns, dass es unterschiedliche Großgrundbesitze gibt, so gibt es die für Viehzucht, andere sind Kaffeeplantagen andere sind Zuckerrohrplantagen, wo sie den Rohzucker herstellten, und es gibt auch Maisplantagen oder Bohnen. Und dann schließen sie das auch zusammen, das heißt, auf einem Großgrundbesitz von 10.000 ha gibt es alles, Rinder, Zuckerrohr, Bohnen und Mais. Und die Menschen verbringen dort ihr ganzes Leben, sie arbeiten dort, sie heißen Knechte oder Dienstboten, die Menschen die dort leiden.

Der Verwalter, nun der ergänzt seinen Lohn dadurch, dass er vom Besitzer etwas raubt, von dem, was auf der Plantage erzeugt wird. Das heißt also neben dem, was der Verwalter vom Patron, dem Besitzer bekommt, verdient er auch noch etwas durch Diebstahl. Wenn zum Beispiel 10 Kälber geboren werden und 4 Stierkälber, dann berichtet der Verwalter nicht genau, sondern er sagt dem Besitzer, dass nur 5 Kälber und 2 Stierkälber geboren wurden. Wenn der Besitzer den Betrug entdeckt, dann wirft er den Verwalter hinaus und stellt einen anderen an. Aber der Verwalter der raubt immer etwas, oder wie sie es nennen, das ist die Korruption.

Sie erzählten uns, wenn der Verwalter auch weggehen wollte, dann suchte er jemand, einer der so ist wie er selbst, einen echten Scheisskerl also, einer der genauso brutal ist wie er. Wenn er also auf seine Reise geht, beauftragt er einen anderen, sozusagen übergibt er seinem Freund seinen Posten und wenn er dann zurückkommt, dann übernimmt wieder der Verwalter die Aufsicht.

Und wir sehen das dann so, der Besitzer ist nicht da, der ist irgendwo anders. Der Verwalter ist der, so sagen wir, wie die Länder oder Völker, denn wir sehen, dass das kein Land mehr ist, wir sagen, der Peña Nieto, das ist der Verwalter. Aufseher, das sind die Gouverneure und die Vorarbeiter das sind die Bürgermeister. Es ist so strukturiert, wie sie herrschen.

Wir sehen auch dass dieser Verwalter, Aufseher und Vorarbeiter die sind, die von den Menschen etwas fordern. Und dort auf dem Großgrundbesitz – so erzählen unsere Urgroßväter – gab es einen Laden, sie nennen es ´tienda de raya` (= Strichladen, einziges Geschäft für die Landarbeiter, vom Eigentümer geführt, Strich deshalb, weil viele LandarbeiterInnen Analphabeten waren und ihre Schulden mit Strichen angeschrieben wurden, Anmerkung der Übersetzerin), dort verschuldeten sich die Menschen, die Ausgebeuteten, die Knechte und Mägde wie sie genannt wurden. Dort kauften sie Salz und Seife, alles was sie brauchten, das heißt, sie haben kein Geld in die Hand genommen, im Laden des Großgrundbesitzers lassen sie anschreiben, denn sie brauchen Salz, Seife, Machete, eine Feile oder ein Beil. Dort kauften sie und sie bezahlten nicht mit Geld sondern mit ihrer Arbeitskraft.

Und weiters erzählen unsere Großeltern, dass ihr Leben, sowohl das der Frauen als auch das der Männer darin bestand, heute ein wenig Essen zu bekommen, gerade so viel, dass sie morgen für den Besitzer weiterarbeiten können, und das Tag für Tag, das ganze Leben lang.

Und wir können bestätigen, was unsere Urgroßeltern erzählen. Als wir uns 1994 erhoben und die Großgrundbesitze nahmen um diese Ausbeuter zu vertreiben, trafen wir Verwalter und Menschen, die in Sklaverei lebten, die an das gewöhnt sind, was ich von den ´tiendas de raya´ erzählte. Diese Menschen sagten zu uns, dass sie nicht wissen, was sie tun sollen, wo werden sie jetzt Salz und Seife herbekommen, wo ihr Großgrundbesitzer nicht mehr da ist. Sie fragten uns, wer jetzt der neue Besitzer sein wird, denn sie möchten dorthin gehen um Salz und Seife zu kaufen.

Darauf antworteten wir: jetzt bist du frei, bearbeite den Boden, er gehört dir, wie früher, aber da hat dich der Großgrundbesitzer ausgebeutet, jetzt arbeitest du für dich und deine Familie. Aber sie widersetzten sich und sagten, das ist der Grund des Großgrundbesitzers.

Und da entdeckten wir, dass es Menschen gibt, die sind an die Sklaverei so sehr gewöhnt, dass sie nicht wissen, was sie mit der Freiheit anfangen sollen, denn sie verstehen nur das Gehorchen.

Und ich spreche über etwas, das vor 100 und mehr Jahren geschah. Denn unsere Urgroßeltern erzählten uns das – einer von ihnen ist jetzt 125, 126 Jahre alt, denn es ist bereits ein Jahr vergangen, seit wir ihn interviewt haben.

Und daher sehen wir was folgt. Wir glauben, dass heute der Kapitalismus so funktioniert. Er möchte die ganze Welt in einen Großgrundbesitz verwandeln. Das heißt, sie, das sind die transnationalen Unternehmer, sagen: ´Ich fahre auf meinen Großgrundbesitz La Mexicana´. Oder worauf er gerade Lust hat, wie zum Beispiel: ´ich fahre auf meinen Großgrundbesitz den guatemaltekischen´, den honduranischen´ usw.

Und der Kapitalismus organisiert sich so, wie es seinen Interessen entspricht, so wie das unsere Urgroßeltern schilderten. In einem Großgrundbesitz gibt es alles, Kaffee, Rinder, Mais, Bohnen und im anderen Großgrundbesitz ist es nicht so, nur Zuckerrohr für den Rohzucker und in einer anderen halt was anders. So haben sie uns organisiert, die Großgrundbesitzer.

Es gibt keinen guten Besitzer, alle sind böse.

Obwohl unsere Urgroßeltern erzählen, dass es einige gibt, die sind gut, aber wenn wir das analysieren, darüber nachdenken, betrachten, nur weil sie nicht so viel körperliche Misshandlung ausübten, die nennen unsere Urgroßeltern ´gut´, weil sie nicht geschlagen werden, aber vor der Ausbeutung machte keiner Halt. Und in anderen Großgrundbesitzen war es so, nicht nur, dass du müde warst von der Arbeit, wenn du nicht alles genau erfüllst, dann wurdest du noch ausgepeitscht.

Und daher glauben wir, dass alles, was ihnen passierte auch mit uns passieren wird, aber jetzt nicht mehr nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt. Denn es ist nicht dasselbe, der Kapitalismus vor 100 oder 200 Jahren, die Form der Ausbeutung ist eine andere, aber er beutet nicht nur auf dem Land aus, sondern auch in der Stadt. Und es ist eine neue Form der Ausbeutung, aber es ist noch immer Ausbeutung. Sozusagen ist es der gleiche Käfig, aber immer wieder mal wird er neu gestrichen, so als ob er neu wäre, aber es ist immer der gleiche.

Aber es ist so, dass es Menschen gibt, die keine Freiheit wollen. Sie sind es gewöhnt zu gehorchen und daher suchen sie nur einen anderen Großgrundbesitzer, einen anderen Verwalter, einer der nicht so brutal ist, das heißt, er beutet genauso aus, aber mit freundlichem Gesicht.

Daher verlieren wir das nicht aus dem Auge, denn das kommt, es beginnt bereits.

Was unsere Aufmerksamkeit erregt ist die Frage, ob es AnderEr gibt, die das sehen, so denken, vergleichen und es auch so sehen, was kommen wird?

Und was werden diese Schwestern und Brüder machen? Reicht es ihnen mit dem Austausch eines Aufsehers oder des Besitzers, oder möchten sie die Freiheit?

Das ist der Teil, den ich euch erklären muss, denn so denken und sehen wir es, zusammen mit den Compañeros, Compañeras als Zapatistische Nationale Befreiungsarmee.


Subcomandante Insurgente Galeano



Was wir also auf Weltebene sehen ist eine Raubtier-Ökonomie. Das kapitalistische System schreitet wacker voran bei der Eroberung von Territorien und zerstört wo es nur kann. Gleichzeitig gibt es eine Verherrlichung des Konsums. Es scheint, als ob der Kapitalismus sich keine Sorgen mehr darüber macht, für wen er die Dinge produziert, dafür gibt es die Maschinen, aber es gibt halt keine Maschinen, die die Waren konsumieren.

In Realität versteckt sich hinter dieser Konsum-Verherrlichung eine brutale Ausbeutung und eine blutrünstige Beraubung der Menschheit, was bei der modernen Warenproduktion nicht sofort sichtbar wird.

Die Maschine, komplett automatisiert und ohne dass eine menschliche Hand eingreift, erzeugt Computer oder Handys, und stützt sich nicht auf technologische und wissenschaftliche Fortschritte sondern auf die Plünderung der Naturvorkommen (die notwendige Zerstörung/Entvölkerung und Wiederaufbau/Neuordnung von Territorien) und auf die unmenschliche Versklavung von Tausenden von winzigen, kleinen und mittleren Zellen der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft.

Der Markt (dieses riesige Warenlager) trägt zu diesem Trugbild des Konsums bei: die Waren erscheinen dem Verbraucher als der menschlichen Arbeit ´entfremdet´ (das heißt, von seiner Ausbeutung) und eine der ´praktischen´ Folgerungen daraus lautet, dass der Verbraucher (immer als Individuum) die Möglichkeit hat, zu ´rebellieren´, dadurch, dass er die eine oder andere Ware wählt, den einen oder anderen Konsum wählt oder einen spezifischen Konsum verweigert. Willst du kein chunk-food essen? Kein Problem, auch die organischen Lebensmittel stehen im Verkaufsregal, sie sind nur ein wenig teurer. Willst du kein berühmtes Getränk mit Namen Cola trinken, weil das der Gesundheit abträglich ist? Kein Problem, das in Flaschen abgefüllte Trinkwasser wird von derselben Firma vertrieben. Willst du nicht in den großen Supermärkten einkaufen? Kein Problem, die gleiche Firma beliefert auch den Laden an der Ecke. Und so weiter.

Die Weltgesellschaft wird also so organisiert, dass anscheinend dem Konsum vor anderen Dingen der Vorrang gegeben wird. Das System funktioniert mit diesem Widerspruch (einer von vielen): es möchte sich von der Arbeitskraft befreien, weil sein ´Gebrauch´ gewisse Probleme bringt (zum Beispiel: sie neigt dazu, sich zu organisieren, zu protestieren, zu streiken, in der Produktion Sabotage durchzuführen, mit AnderEN in Allianz zu treten); aber gleichzeitig braucht es den Konsum von Waren eben durch diese ´spezielle´ Ware.

So sehr das System sich auf die ´Automatisierung ›der Produktion ausrichtet, bleibt doch die Ausnützung der Arbeitskraft fundamental. Es spielt keine Rolle, wie viel Konsum an die Peripherie des Produktionsprozesses gesandt wird, oder wie weit die Fließband Produktion erweitert wird, damit es aussieht (´Simulation ›nennt man das), als ob der Human-Faktor abwesend sei: ohne die essentielle Ware (die Arbeitskraft) ist der Kapitalismus nicht möglich. Eine kapitalistische Welt ohne Ausbeutung, wo nur der Konsum den Vorrang hat ist nur gut für Science Fiction, für Social-Media-Schwafelei und für die trägen Träume der Bewunderer der Selbstmörder der aristokratischen Linken.

Nicht die Existenz der Arbeit definiert den Kapitalismus, sondern die Charakterisierung der Kapazität der Arbeit als Ware, die auf dem Arbeitsmarkt verkauft und gekauft wird. Das heißt, dass es jemand gibt, der verkauft und jemand, der kauft und vor allem, dass es jemand gibt, der nur die Möglichkeit hat, zu verkaufen.

Arbeitskraft zu kaufen, ist durch Privateigentum der Produktionsmittel, der Verkehrsmittel und durch Konsum möglich. Dass diese Mittel Privateigentum sind, stellt den Lebenskern des Systems dar. Über diese Klassenteilung (Besitzende und Besitzlose) und um das zu verschleiern, werden alle möglichen juristischen und mediatischen Vorspiegelungen geschaffen, so wie die vorherrschenden Beweise: die Staatsbürgerschaft und die Gleichheit vor dem Gesetz, das strafrechtliche und politische System, die Wahldemokratie und die Unterhaltung (wobei es immer schwerer wird, die beiden zu unterscheiden), die Neo-Religionen und die angebliche Neutralität der Technologien, die Sozialwissenschaften und die Künste, der freie Zugang zum Markt und zum Konsum, und die Dummheiten (mehr oder weniger ausgefeilt) wie zum Beispiel `die Veränderung liegt an dir selbst´, ´jeder ist seines Glückes Schmied´, ´wenn es regnet, setze ein Lächeln auf´, ´gib dem Hungrigen keinen Fisch, lehre ihm das Fischen´ (»und verkaufe ihm die Angel«) und – im Moment en vogue – die Versuche, den Kapitalismus zu ´humanisieren´, ihm ´ein menschliches Antlitz zu geben´, gut, vernünftig, uninteressiert, light, darzustellen.

Aber die Maschine möchte Gewinn und ist unersättlich. Es gibt keine Grenzen für ihre Gefräßigkeit. Und das Streben nach Gewinn kennt weder Ethik noch Vernunft. Wenn es nötig ist zu morden, dann wird gemordet. Wenn es nötig ist zu zerstören, dann wird zerstört. Selbst wenn es die ganze Welt ist.

Das System schreitet bei seiner Wiedereroberung der Welt voran. Ganz egal, was zerstört wird, was stehen bleibt oder was übrigbleibt: alles ist wegwerfbar solange der höchste Gewinn und so schnell als möglich erzielt werden kann. Die Maschine kehrt zu den ursprünglichen Methoden zurück – daher empfehlen wir ´Die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals´ zu lesen – das sind Gewaltanwendung und Krieg, um neue Territorien zu erobern.

So als ob der Kapitalismus einen Teil der Welteroberung während des Neoliberalismus stoppte, und das muss jetzt beendet werden. In seiner Entwicklung ´entdeckt´ das System, dass neue Waren auftauchten und diese neuen Waren befinden sich im Territorium der Originalvölker: Wasser, Boden, Luft, Biodiversität; alles was noch nicht zerstört und verstümmelt ist, befindet sich im Territorium der Originalvölker und darüber fallen sie her. Wenn das System neue Märkte sucht (und erobert), dann sind das nicht nur Märkte für den Konsum, für den Kauf und Verkauf von Waren; auch und vor allem sucht es und versucht es die Eroberung von Territorien und Bevölkerungen um alles zu extrahieren, was möglich ist. Ganz egal, wenn es nach Beendigung als Erbe und Spur seines Hierseins eine Wüstenei hinterlässt.

Wenn ein Bergbauunternehmen ein Territorium einer Originalbevölkerung überfällt, mit dem Alibi, dass sie ´Arbeitsplätze´ für die ´Autochthonen´ (ich glaube so sprechen sie über uns) schaffen, gibt es diesen Menschen nicht nur einen Lohn, damit sie ein Handy mit größerer Bandbreite kaufen können, sondern es mustert auch einen Teil dieser Bevölkerung aus und vernichtet (im wahrsten Sinne des Wortes) das Territorium, in dem es arbeitet. Das System offeriert `Entwicklung ›und ´Fortschritt´, es verbirgt aber die Tatsache, dass es sich um seine eigene Entwicklung und seinen eigenen Fortschritt handelt; und was am wichtigsten ist, es verbirgt, dass diese Entwicklung und dieser Fortschritt auf Kosten des Lebens der Bevölkerung und der Zerstörung seiner Territorien geschieht.

Darauf basiert die sogenannten `Zivilisation´: was die Originalvölker brauchen, ist ein ´Ausweg aus der Armut´, das heißt, sie brauchen Geld. Und dann bieten sie ´Anstellungen´ an, das heißt, Firmen ´engagieren´ (das heißt, ausnützen) die ´Eingeborenen´ (ich glaube so sprechen sie über uns).

Eine Original-Comunidad ´zivilisieren´ bedeutet, diese Bevölkerung in lohnempfangende Arbeitskraft zu verwandeln, das heißt, sie konsumfähig zu machen. Daher haben alle staatlichen Programme ´die Einverleibung der marginalisierten Bevölkerung in die Zivilisation ›zum Ziel. Daraus folgt, dass die Originalvölker nicht den Respekt vor ihrer Art und für ihre Zeit fordern, sondern um ´Hilfe ›bitten, damit ´ihre Produkte auf dem Markt einen Platz finden‹ und ´um eine Anstellung zu erhalten´. Zusammenfassend: die Optimierung der Armut.

Und wenn wir von ´Originalbevölkerung´ sprechen, dann beziehen wir uns nicht nur auf die sogenannten ´Indigenen´, sondern auf alle Völker, die ursprünglich auf die Territorien aufpassten - heute unter Eroberungskriegen - wie das kurdische Volk, und das wiederum durch Gewalt den sogenannten Nationalstaaten unterworfen wird.

Die sogenannte ´Nationen-Form´ des Staates entstand, als der Kapitalismus zum dominierenden System aufstieg. Das Kapital brauchte Schutz und Hilfe um zu wachsen. In dem Moment hat der Staat zusätzlich zu seiner essentiellen Funktion (die Unterdrückung) jene des Garanten dieser Entwicklung übernommen. Klar doch, damals hieß es, das diente dazu, um der Barbarie einen Riegel vorzuschieben, die gesellschaftlichen Beziehungen ´zu rationalisieren ›und für alle ´zu regieren´, zwischen Unterdrücker und Unterdrückten ´zu vermitteln´.

Die ´Freiheit´ war die Freiheit auf dem Markt zu kaufen und (sich) zu verkaufen; die ´Gleichheit´ diente zur Verfestigung der homogenisierten Macht und die `Geschwisterlichkeit´, gut, alle sind wir Brüder und Schwestern, der Patron und der Arbeiter, die Arbeiterin, der Großgrundbesitzer und der Knecht, das Opfer und der Henker.

Dann hieß es, dass der Nationalstaat das System ´regulieren´ müsse, es vor seinen eigenen Exzessen retten müsse und es ´gleicher´ machen müsse. Die Krisen seien die Folge eines Defekts der Maschine und der Staat (und die Regierung im speziellen) sei der effiziente Mechaniker, der immer bereitstand, um diese Defekte zu reparieren. Klar, mit der Zeit stellte sich heraus, dass der Staat (und die Regierung im speziellen) Teil des Problems und nicht die Lösung war.

Aber die wesentlichen Elemente dieses Staates-Nation (Polizei, Armee, Sprache, Währung, Rechtssystem, Territorium, Regierung, Bevölkerung, Grenze, Binnenmarkt, kulturelle Identität usw.) befinden sich heute in der Krise: die Polizei verhindert keine Delikte, sie begeht sie; die Armeen sind keine Verteidiger der Bevölkerung sondern deren Unterdrücker; die ´Nationalsprachen´ werden überfallen und verformt (will heißen erobert) durch die im Handel dominierende Sprache; die Nationalwährungen richten ihren Wert nach den Währungen die auf dem Weltmarkt die Vorherrschaft, die Hegemonie inne haben; die nationalen Rechtssysteme unterwerfen sich den internationalen Gesetzen; die Territorien dehnen sich aus und schrumpfen zusammen (und zersplittern) entsprechend dem neuen Weltkrieg; die Nationalregierungen unterordnen ihre wichtigen Entscheidungen dem Diktat des Finanzkapitals; die Grenzen haben unterschiedliche Durchlässigkeit (offen für den Kapitalverkehr und Warenverkehr, geschlossen für die Menschen); die Nationalbevölkerung ´vermischt ›sich mit jenen, die aus anderen Staaten kommen und so weiter.

Während der Kapitalismus neue ´Kontinente´ ´entdeckt´ (das heißt, neue Märkte zur Extraktion von Waren und für den Konsum), ist er mit einer komplexen Krise konfrontiert (in Zusammensetzung, Reichweite und Tiefe), die er selber in seiner Raubgier verursacht hat.

Es ist eine Kombination von Krisen:

Zum einen gibt es die Umweltkrise, die überall auf der Welt zuschlägt und auch ein Produkt der kapitalistischen Entwicklung ist: die Industrialisierung, der Konsum und die Plünderung der Natur haben Auswirkungen auf die Umwelt, welche Veränderungen auf dem sogenannten ´Planet Erde´ verursachen. Der Meteorit ´Kapitalismus´ ist bereits heruntergefallen und hat die Oberfläche und die Eingeweide des dritten Planeten des Sonnensystems radikal verändert.

Die andere ist die Migration. Komplette Territorien werden pauperisiert und zerstört und die Menschen werden zur Migration gezwungen um zu überleben. Der Eroberungskrieg, der die Essenz des Systems darstellt, besetzt nicht mehr Territorien und seine Bevölkerung sondern steckt diese Bevölkerung in das Fach der ´Überreste´, ´Reste´, ´Abfallhaufen´, wodurch diese Bevölkerungen entweder zu Grunde gehen oder in die ´Zivilisation´ migrieren, welche – das darf nicht vergessen werden – sich aufgrund der Zerstörung ´anderer´ Zivilisationen aufrecht erhalten. Wenn diese Menschen weder erzeugen noch produzieren, dann sind sie überflüssig. Das sogenannte ´Migrations-Phänomen´ wurde vom System erzeugt und wird von diesem genährt.

Und noch eine – bei der wir mit verschiedenen Analysten auf der ganzen Welt übereinstimmen – das ist die Endlichkeit der Ressourcen, welche ´die Maschine´ am Laufen erhalten: die Energien. Die sogenannten letzten ´Spitzen´ der Erdölreserven und der Kohle, um ein Beispiel zu nennen, sind bald erreicht. Diese Energiequellen versiegen und sind begrenzt vorhanden, das Wiedererscheinen dauert Millionen von Jahren. Das vorhersehbare und unmittelbar bevorstehende Versiegen bewirkt, dass Territorien mit Energievorkommen – selbst wenn sie nur begrenzt sind – strategisch bedeutsam sind. Die Entwicklung von ´alternativen´ Energiequellen schreitet zu langsam voran, der Grund dafür ist die fehlende Rentabilität, das heißt, die Investition kommt nicht schnell genug zurück.

Diese drei Elemente dieser komplexen Krise stellen sogar die Existenz des Planeten in Frage.

Die Endzeitkrise des Kapitalismus? Keine Spur davon. Das System hat gezeigt, dass es fähig ist, seine Widersprüche zu überwinden und sogar mit und in ihnen zu funktionieren.

Angesichts dieser Krisen, die der Kapitalismus selbst verursachte - die Migration auslösen, Naturkatastrophen verursachen und der Grenze seiner wichtigsten Energieressourcen nahekommen (in diesem Fall Erdöl und Kohle) – scheint es, als ob das System einen Rückzug nach innen ausprobiert, so etwas wie eine Anti-Globalisierung, um sich vor sich selbst zu verteidigen und dafür verwendet es die politische Rechte als Garant für diesen Rückzug.

Dieser scheinbare Widerspruch des Systems ist wie eine Sprungfeder, die sich zusammenzieht um sich dann wieder auszudehnen. Die Wahrheit ist die, dass sich das System auf einen Krieg vorbereitet. Ein anderer Krieg. Ein totaler: überall, die ganze Zeit und mit allen Mitteln.

Es werden legale Mauern gebaut, kulturelle Mauern und materielle Mauern um sich vor der Migration zu schützen, eine Migration die sie selber ausgelöst haben; und es besteht das Bestreben, die Weltkarte neu zu zeichnen, ihre Ressourcen und ihre Katastrophen, damit erstere verwaltet werden, damit das Kapital weiterhin funktioniert und letztere keine großen Auswirkungen auf das Zentrum haben, dort wo die Macht versammelt ist.

Wir glauben, dass diese Mauern wuchern werden, bis eine Art Archipel ´von oben ›entsteht, wo innerhalb der geschützten ´Inseln´ die Besitzer wohnen, will heißen jene, die den Reichtum haben und außerhalb des Archipels sind wir alle anderen. Ein Archipel mit Inseln für die Besitzer und mit unterschiedlichen Inseln – so wie die Großgrundbesitze – mit unterschiedlichen Aufgaben. Und, ganz getrennt davon, die verlorenen Inseln der Wegwerfbaren. Und auf dem offenen Meer Millionen von Barkassen, von einer zur anderen Insel torkelnd, auf der Suche nach einem Hafen zum Andocken.

Science Fiction aus zapatistischer Herstellung? Googlen Sie ´Schiff Aquarius´ und dann messen Sie die Entfernung zwischen dem, was wir schreiben und der Realität. Diverse europäische Nationen haben der Aquarius das Anlegen in ihren Häfen verweigert. Der Grund? Die tödliche Fracht, die sie transportiert: Hunderte von Migranten aus Ländern, die vom Abendland ´befreit´ wurden und zwar durch Besetzungskriege, und aus Ländern, die von Tyrannen, welche das Wohlwollen des Abendlandes genießen, regiert werden.

´Abendland, Okzident´, das Symbol der selbsternannten Zivilisation, kommt, zerstört, entvölkert, zieht sich zurück und Schluss, während das große Kapital seine Geschäfte fortsetzt: es erzeugte und verkaufte die Massenzerstörungswaffen, aber ebenso erzeugt und verkauft es die Maschinen für den Wiederaufbau.

Und wer diesen Rückzug stützt das ist die politische Rechte an verschiedenen Orten. Will heißen, die ´reellen´ Aufseher, jene die die Horde der Hilfsarbeiter kontrollieren und den Gewinn des Großgrundbesitzers sichern – obwohl mehr als einer, eine, eineR sich seinen Teil der Kälber und Stierkälber unter den Nagel reißt, oder anders gesagt, raubt. Und außerdem peitschen sie ihre versklavte Bevölkerung zu sehr aus. Alle die überflüssig sind: entweder konsumieren sie oder sie müssen vernichtet werden; sie müssen an den Rand gedrängt werden; sie sind – so nennen wir es – Wegwerfartikel. Sie werden in diesem Krieg nicht einmal als ´Kollateralschäden´ bezeichnet.

Es ist nicht so, dass sich gerade etwas verändert, das ist bereits geschehen.

Und jetzt verwenden wir den Vergleich mit den Originalvölkern, denn während einer langen Zeit – im Zeitraum vor der Entwicklung des Kapitalismus – waren die Originalvölker die Vergessenen. Früher verwendeten wir das Beispiel der indigenen Säuglinge, sie waren die Nicht-Geborenen, denn sie wurden geboren und starben, ohne dass jemand darüber Aufzeichnungen führte, und diese Nicht-Geborenen wohnten in diesen Zonen, zum Beispiel in diesen Bergen, an denen sie früher kein Interesse hatten. Die guten Böden (wir nennen sie ´Flachland´) wurden von den Großgrundbesitzern beansprucht, von den großen Eigentümern und die Indigenen wurden in die Berge verdrängt, und jetzt plötzlich haben diese Berge Reichtümer, Waren, worauf das Kapital scharf ist und so gibt es keinen Ort mehr, wo die indigene Bevölkerung hingehen kann.

Entweder kämpfen und verteidigen sie diese Territorien, wenn es sein muss mit dem Leben, oder es gibt keinen Ausweg, so ist es. Denn es wird kein Schiff geben, welches sie aufnimmt, wenn sie in den Unwettern der Gewässer und Böden dieser Welt navigieren.

Ein neuerlicher Eroberungskrieg um die Territorien der Originalbevölkerungen ist im Gange und die Fahne, welche das Heer der Eindringlinge trägt, zeigt sich manchmal auch mit den Farben der institutionalisierten Linken.

Diese Änderung der Maschine bezüglich des Landes oder ´ländliche Zonen´ ist sogar bei einer oberflächlichen Analyse sichtbar, es passiert aber auch in den Städten oder ´urbanen Zonen´. Die großen Städte wurden neu geordnet oder befinden sich in diesem Prozess, nach oder während eines mitleidlosen Krieges gegen die marginale Bevölkerung. In jeder Stadt gibt es viele verschiedene Städte, aber nur eine Zentrale: jene des Kapitals. Die Mauern die diese Stadt umringen sind Gesetze, Urbanisierungspläne, Polizeieinheiten und Schocktruppen.

Die ganze Welt wird zersplittert, die Mauern wuchern, die Maschine rollt weiter beim neuen Besetzungskrieg, Hunderttausende von Menschen entdecken, dass das neue Heim, welches ihnen die Modernität versprochen hat eine Barkasse auf hoher See ist, der Straßenrand oder das Zusammenpferchen in einem Festhaltezentrum für ´Undokumentierte´; Millionen von Frauen lernen, dass die Welt ein gigantischer Jagd Club ist in dem sie Freiwild sind, die Kindheit alphabetisiert sich als Sex Ware oder billige Arbeitskraft und die Natur präsentiert die Rechnung einer großen Schuldenlast, welche der Kapitalismus in seiner kurzen Geschichte als dominantes System angehäuft hat.

Klar, es fehlt, was die Frauen, die kämpfen dazu sagen, die AnderEn von Unten (für die es, anstatt des Glamours der halboffenen Closets der Oberen Verachtung, Verfolgung und Tod gibt), jene die in den populären Vierteln schlafen und tagsüber in der Hauptstadt des Kapitals arbeiten, die MigrantInnen, die sich daran erinnern, dass es diese Mauer früher nicht gab, die Familien der Verschollenen, der Ermordeten, der Gefangenen, die weder vergessen noch verzeihen, die Landgemeinden die entdecken, dass sie betrogen wurden, die Identitäten, die als ´Andersherum´ entdeckt werden und die Schande durch Stolz ersetzen, und alle, Männer, Frauen und AnderEr, die Wegwerf-Menschen, die verstehen, dass das Schicksal nicht notwendigerweise Sklaverei bedeutet, noch Vergessen oder tödlicher Tod.

Denn eine andere Krise die unbemerkt daherkommt ist das Auftauchen und die Verbreitung der Rebellion, von organisierten menschlichen Ansammlungen, welche die Macht herausfordern, auch in ihrer perversen und unmenschlichen Logik. Unterschiedlich in der Identität, will heißen, in ihrer Geschichte, erscheint dieser Ausbruch wie eine Anomalie des Systems. Diese Krise scheint nicht unter den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit auf. Ihre Möglichkeiten, sich zu halten oder zu vertiefen sind minimal, fast unmöglich. Deshalb scheinen sie nicht in den Zählungen von Oben auf.

Wegen der Rebellionen muss sich die Maschine nicht sorgen. Es sind Wenige, nicht einmal 300 sind es.


Sicherlich ist diese Weltsicht, die Unsrige, unvollständig und – sehr wahrscheinlich – fehlerhaft. Aber so sehen wir das System auf Weltniveau. Und von dieser Bewertung her folgt, was wir auf kontinentalem, nationalem, regionalem und lokalem Niveau sehen und bewerten.

(Fortsetzung folgt…)

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 Quelle:  
  http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2018/08/20/300-primera-parte-una-finca-un-mundo-una-guerra-pocas-probabilidades-subcomandante-insurgente-moises-supgaleano/ 
 

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